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Sammlung von unterschiedlichen Beiträgen zu den Themen Massenmedien, Politik und Gesellschaft
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Oktober 2000 - Michail Berger

Politische Printmedien und Wahlen in Russland

Es gibt in Russland zwei weitgehend verbreitete Mythen. Der erste ist, dass alle russischen Medien käuflich sind und dass kein Politiker das Wort ergreifen kann, ohne Geld dafür zu zahlen. Der zweite: westliche Medien sind objektiv, haben keine politischen Vorlieben und sind gegenüber finanziellem Druck, auch dem unterschwelligen, nicht empfänglich. Ich will der Widerlegung dieser Mythen keine Zeit schenken, denn ich verstehe, dass deren Zerstörung viel länger dauern würde, als ihre Bildung. Ich bin persönlich davon überzeugt, dass sowohl die erste als auch die zweite Aussage zumindest übertrieben ist. Wollen wir darauf verzichten, den russischen Media-Markt als ein billiges Restaurant, wo der Kunde zahlt und der Kellner seine Bestellung erfüllt, zu betrachten,

Wir analysieren den Einfluss der Medien auf das politische Leben und auf die Wahlen im Land, wo zwei Tendenzen, die man als spezifisch bezeichnen kann, herrschen. Ich bin so kühn zu behaupten, dass ein bedeutender Teil der Leser in Russland im Alter ab 35 Jahren unter dem Einfluss der Heiligkeit des gedruckten Wortes steht

Dieses Verhalten zum gedruckten Wort hat seine Wurzel in der sowjetischen Erziehung und Manipulierung des öffentlichen Bewusstseins. Für Moskau mit seinen zehn Millionen Einwohner sind das 4.800.000 Menschen. Natürlich, nicht alle von ihnen lesen die politische Presse, aber sie sind Wähler, und das ist mehr als die Hälfte aller Wähler in der Hauptstadt

Die zweiteTendenz ist das genaue Gegenteil der ersten. Die Leser machen ihre Erfahrungen damit, dass nicht jedes Wort in der Zeitung heilig ist, dass die Presse nicht nur Akzente verschieben und ungeprüfte Informationen bringen, sondern auch offenbar lügen kann. Das heißt, dass der Leser die Erfahrung des Mißtrauens macht und die Notwendigkeit versteht.

Erfahrung des Mißtrauens macht und die Notwendigkeit versteht, verschiedene Informationsquellen zu vergleichen und erst dann seine Schlussfolgerungen zu ziehen.

Das alles passiert, während die Auflagen von Zeitungen, die sich "nationale" nennen, aber in Wirklichkeit nur sehr bedingt als solche bezeichnet werden können, sinken. In den letzten zehn Jahren sind die Auflagen der größten nationalen Zeitungen um das 20-fache ("Komsomolskaja Prawda") oder das 30-fache ("Iswestija") gesunken. Man muss gestehen, daß vorher die Auflagen unnatürlich hoch waren: "Komsomolskaja Prawda" - 22 Millionen Exemplare",Iswestija" - zwölf Millionen Exemplare: Die Tendenz ist sehr deutlich geworden.

Die heutige Lage der sogenannten überregionalen Presse kann man als Denationalisierung und Dezentralisierung bezeichnen, Aus objektiven und subjektiven Gründen sind die heutigen Zeitungen in zehn bis 20 großen Städten Russlands konzentriert, weiter reicht ihr Einfluss nicht. Das wichtigste Kriterium für eine überregionale Zeitung ist ihre Zugänglichkeit für den Leser morgens am Erscheinungstag wenigstens in den Hauptstädten der Föderation. Man kann aber die Zeitung am Erscheinungstag morgens nur dort bekommen, wo sie unmittelbar gedruckt wird. Die "Iswestija", eine der meist dezentralisierten Zeitungen, wird nur in 22 von 89 Mitgliedsstaaten der Föderation gedruckt.

Auf solche Weise ist der Einfluß von regionalen Zeitungen im Vergleich zu den föderalen viel höher. Aber die meisten regionalen Printmedien sind entweder direkt von lokalen Machtorganen gegründet worden oder sind von ihnen sehr stark abhängig. Das macht die meisten von ihnen praktisch zu Nachfolgern der Zeitungen sowjetischen Typs. Man kann föderale Macht insofern frei kritisieren, inwiefern man Imperialismus in den sowjetischen Zeitungen frei enthüllen dürfte. Aber ein Ausfall gegen einen Gouverneur oder Bürgermeister könnte sehr ernste Folgen für die Zeitung und die Journalisten haben. Die Druckmechanismen sind sehr einfach und wirkungsvoll. Mit der Redaktion, die die lokale Verwaltung nicht mag, können Vermieter streiten und den Mietvertrag vorzeitig kündigen. Die Druckereien, die meistens in der Hand des Staates blieben, können die Preise für ihre Dienstleistungen erhöhen,

Man muss gestehen, daß in einigen großen Regionen Gouverneure und Bürgermeister miteinander konkurrieren. In diesem Fall haben die Leser die Chance, einen kritischen Artikel über den Gouverneur in der Zeitung vom Bürgermeister zu lesen und umgekehrt. Die Maßstäbe der Pressefreiheit in Moskau und im übrigen Russland unterscheiden sich ungefähr so, wie sich das Lebensniveau in Moskau und in der Provinz unterscheidet

Und noch eine, meines Erachtens, einzigartige Besonderheit des russischen Medienmarktes. In Moskau erscheinen 17Tageszeitungen,zehn davon identifizieren sich als allrussländische. Wenn man zwei Sportblätter nicht dazu zählt, sieht man eine ganze Palette aus 15 Tageszeitungen - und neun darunter sind überregional. So etwas gibt es in keiner Hauptstadt der Welt. Vielleicht wird den meisten Zeitungen das passieren, was auch den ersten russischen Börsen passiert ist: am Anfang der Reformen gab es mehr als 300 Börsen, d.h. mehr als in der übrigen Welt, Jetzt gibt es fünf oder sechs Börsen, Es mag sein, dass sich ähnliche Veränderungen auch in der Tagespresse in Russland ereignen können.

Man kann mit Recht behaupten, dass Russland mit periodischer Presse übersättigt ist. Nach den Angaben des Staatlichen Komitees für Statistik erschienen in Russland im 1997 5500 Zeitungen mit einer durchschnittlichen Bruttoauflage von 32 Millionen Exemplare. In demselben Jahr erschienen in Deutschland, laut IVW-Angaben, 427 Zeitungen mit der Bruttoauflage 28 Millionen Exemplaren. (Zeitschrift "Expert" , N22, 1999). Und wenn die Anzahl der Bevölkerung Russlands nur 1,5 Mal die Deutschlands übersteigt, ist der Unterschied zwischen dem Brutto-Inlandprodukt in Russland und in Deutschland mehr als zehnfach. Es gibt aber in Russland 12mal mehr Zeitungen als in Deutschland.

Jetzt wollen wir die potentiellen Möglichkeiten des Einflusses von Printmedien auf die Wählerschaft im Paradies der Pressefreiheit und Konkurrenz - in Moskau - einschätzen, Die Tageszeitung mit der größten Auflage "Moskowskij Komsomolez" ("MK") (rund 700 Millionen Exemplare), hat nach Angaben der Forschungsgruppe "Gallup Media" für das dritte Viertel dieses Jahres 15,2% erwachsenen Leser (ab 16). Wenn man aber in Betracht zieht, dass die Teenager den bedeutenden Teil der Leser ausmachen und man erst ab dem 18. Lebensjahr wählen darf, sinkt auch die Zahl der Leser dieser Zeitung unter 15 Prozent. Außerdem betrachten die meisten Kunden diese Zeitung als eine "gelbe" Zeitung und deswegen ist ihr politischer Einfluss beschränkt. Die kostenlose Zeitung "Metro" die ihrer Auflage nach sofort nach MK folgt, hat nach Abgaben desselben Forschers eine sehr bescheidene Leserzahl - 4,3

Prozent Ihr politischer Einfluss (wie oft die Zeitung von Newsmakers, Politikern und Staatsbeamten, anderen Medien zitiert wird) ist fast gleich Null. Alle sogenannten seriösen Qualitätszeitungen ("Iswestija"",Trud"",Kommersant") erreichen 0,4 bis 2,4 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Und das ist in Moskau, in der Stadt mit der höchsten Ballung der politisierten und ausgebildeten Bevölkerung,

Arithmetisch sieht die Gegenwart der seriösen politischen Printmedien in Russland und sogar in Moskau fast hoffnungslos aus. Noch schlimmer sieht es wirtschaftlich aus. Nach Angaben von "Expert" machte die gesamte Aufnahmefähigkeit des Werbemarktes in den besten Zeiten vor der Krise 2,5 Milliarden Dollar jährlich aus- In Deutschland 20,3 Milliarden USD, in den USA 117 Milliarden USD, Die Printmedien können maximal nur mit einem Drittel des gesamten Werbekuchens in Russland rechnen. 800 Millionen Dollar für 5500 Zeitungen und 3308 Zeitschriften ist eine allzu kärgliche Summe, um von einer wirtschaftlichen Blütezeit und somit von der Unabhängigkeit der Presse reden zu können,

Wegen der wirtschaftlichen Krise wurden die Werbebudgets der meisten Werbekunden im Durchschnitt um 30-40 Prozent gekürzt. Diese Reduzierung hat verschiedene Segmente des Media-Marktes unterschiedlich beeinflusst. Die Werbebudgets für Fernsehwerbung wurden nicht so stark wie die für die schwarzweißen Zeitungen gekürzt.

Und trotzdem existieren auch "nicht gelbe" politische Tageszeitungen, Und dafür gibt es zwei fundamentale Gründe. Der erste ist: Presse kann als Instrument des politischen Einflusses benutzt werden, In diesem Fall wird die Zeitung einfach von dem Herausgeber subventioniert und ihre Zukunft nach den Wahlen ist unbestimmt, Der zweite Grund ist: Die Zeitung existiert als ein langfristiges Investitionsprojekt, man rechnet mit dem Wirtschaftswachstum und dem Aufbau des Werbemarktes. In der Regel gehören solche Zeitungen zu einer Media-Holding, die auch gewinnbringende Medien besitzt (illustrierte Business-Wochenzeitungen in Farbe bzw. Programmzeitschriften). Ein Beispiel für eine solchen Holding ist das Verlagshaus "Kommersant" mit der Zeitung "Kommersant" und der gewinnbringenden Zeitschrift "Dengi" (Geld) oder das Verlagshaus "Sem Dnej" mit der Zeitung "Segodna" dem gewinnbringenden Wochenmagazin "Sem Dnej", sowie Zeitschriften in Farbe "Itogi" (Fazit) und "Karawan istorij" (Geschichtskaravan), Ein weiteres spezifisches Beispiel ist die Tageszeitung "Wedomosti" (Anzeiger), die auf Kosten ausländischer Investoren herausgegeben wird.

Wenn schwarzweiße Tageszeitungen als langfristige Investitionsprojekte betrachtet werden, zwingen die strategischen Interessen die Herausgeber dazu, sich an den Interessen ihrer Leser zu orientieren. Deswegen fehlt der äußere politische Druck auf die Redaktionspolitik - oder er ist minimal.

Man muss aber auch gestehen, dass es "reine Situationen" weder im ersten noch im zweiten Fall geben kann, Die Zeitungen, die als Mittel des politischen Drucks benutzt werden, verhalten sich ab und zu wie freie kommerzielle Medien, die Zeitungen, die als reine Unternehmen gedacht waren, werden von Zeit zu Zeit als Mittel des politischen Einflusses benutzt

Vor der Wahlkampagne versuchte die Zeitung "Moskowskij Komsomolez" (Nr.l61, 1999) die Mediagruppen (einschließlich der elektronischen Medien) zu definieren, die ihrer Meinung nach zur Unterstützung dieser oder jenen Kandidaten oder politischen Gruppen genutzt werden. MK hat 14 Mediagruppen bestimmt. Je nach dem Einfluß sieht diese Hierarchie so aus:

- Medien, die von Boris Beresowskij kontrolliert werden -158,9 Millionen Medienrezepienten (gesamte Zahl der Leser, Zuschauer)

- Medien, die direkt oder indirekt vom Kreml und dem "Weissen Haus" kontrolliert werden - 146,5 Millionen Medienrezepienten;

- Media-Most (Wladimir Gussinskij) - 110,3 Millionen;

- Moskauer Regierung - 46,2 Millionen.

Übersetzt aus dem Russischen von Oxana Orlowa, FRDIP-Studentin.

Michail Berger - Dipl.-Journalist, bekannter Publizist zu Wirtschaftsproblemen,
Chefredakteur der demokratischen Zeitung "Segodnja" ("Heute").