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11/2001 - Dr. Leonie Loreck - "DAAD Letter"

Nicht überall lauert die Mafia

Russische Journalisten erleben die Medienstadt Berlin

Am Journalistenkolleg der Freien Universität Berlin gehen neuerdings Junge russische Journalisten ein und aus zweimal im Jahr kommen sie aus allen Teilen der russischen Föderation zu einem dreimonatigen Kompaktkurs, um sich mit der deutschen Medienwelt vertraut zu machen.

Die Mafia, der Tschetschenien-Krieg, der Untergang des Atom-U-Boots Kursk - das sind die Themen deutscher Journalisten, wenn sie über Russland schreiben. Der russische Journalist Andrej Kobiakow findet das "zu negativ". "Warum berichten die Medien nicht über unsere Talente, unsere Kunst, unser phantastisches Bildungssystem", fragt er. Er wird seinen deutschen Kollegen mit Sicherheit einiges darüber erzählen. Denn Andrej ist einer von zehn jungen Journalisten, die im September nach Berlin kamen, um den dreimonatigen Kompaktkurs ,Journalisten aus Russland" (JaR) zu absolvieren. Gefordert wird das Programm vom DAAD, dem Goethe-Institut, dem Berliner Senat und der Freien Universität (FU).

So viele Redakteure

Gerade haben die jungen Russen einen fünfwochigen theoretischen Kurs über deutsche Geschichte und Politik, Wirtschaft und Medien am Journalisten Kolleg der Freien Universität beendet und sind nun als Praktikanten auf Berliner Rundfunk Fernsehanstalten und Zeitungsredaktionen verteilt. Andrej recherchiert und schreibt seit zwei Wochen bei der Tageszeitung "Die Welt". Am meisten verblüfft ihn, dass sich nicht alle Redakteure der Zeitung untereinander kennen - "so viele sind es".

Auch andere Kursteilnehmer staunen über die gut besetzten deutschen Redaktionen. Von seiner Zeitung in Kasan, der staatlichen Tageszeitung "Republik Tatarstan", erzählt Andrej: "Wir haben hochmoderne Computer gekauft, das war teuer, und auch das Papier ist teuer. Das bedeutet, dass Personal sogar noch abgebaut werden mus

Die Redakteure sind dadurch ganz anders gefordert. Andrej sieht darin auch einen Vorteil. "Ich kann alles: schreiben, fotografieren, Fotomontagen und Umbruch machen und den Computer perfekt bedienen". Die Unterschiede zu Deutschland bringt Andrej folgendermaßen auf den Punkt, Unsere Zeitungen haben einen kleineren Umsatz, geringere Arbeitslöhne und viel weniger Werbung. Das größte Problem ist unsere Armut."

Wenig Interesse für Russen

Neu ist für manchen der jungen Russen auch der unkomplizierte Zugang zu Informationen in Deutschland. Sie erzählen von Zensur und Selbstzensur in den russischen Medien - egal ob sie staatlich oder privat wirtschaftlich betrieben sind - und berichten über die Schwierigkeiten, von offiziellen Stellen und Behörden Informationen zu bekommen. Jelena Schestopalowa, mit 22 Jahren schon stellvertretende Chefredakteurin eines Jugendmagazins in Moskau, erhielt beim Praktikum in der Berliner Redaktion des Wochenmagazins "Der Spiegel" den Auftrag, über Ausländer in der Bundeswehr zu recherchieren. Sie war nicht wenig überrascht, dass ein Anruf beim entsprechenden Bataillon genügte um eine Liste der verschiedenen Nationalitäten der Soldaten zu erhalten.

Darja Ossinskaja - Reporterin des TV Kanals in St. Petersburg ist enttäuscht über das geringe Interesse deutscher Medien an russischen Themen. Als Praktikantin bei TV Berlin schlug sie vor über ein Treffen von Pressesprechern russischer Regionen zu berichten, das an der Europäischen Akademie in Berlin stattfand. "Es gab überhaupt kein Interesse", bedauert Darja.

Hier setzt das Journalisten-Programm an. Die Idee dazu entstand bei einern Besuch des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog 1997 m Moskau. Der schlug "eine große Offensive des kulturellen Dialogs" vor, und zwar "auf allen Ebenen" vom Theater bis zu den Medien. Günter von Lojewski, damals als Intendant des Senders Freies Berlin (SFB), zur Delegation des Präsidenten gehört und heute Leiter des Journalisten Kollegs der FU, fühlte sich direkt angesprochen und kreierte das Programm für junge russische Journalisten, das der DAAD mit Stipendien und Reisekosten unterstützt.

Vorurteile abbauen

Seit der ersten Gruppe im Herbst 1999 waren bereits rund 30 junge Journalisten aus verschiedenen Teilen der russischen Föderation in Berlin. Vorträge prominenter Personen des öffentlichen Lebens gehören ebenso zu ihrem Studienprogramm wie die Teilnahme am politischen und kulturellen Leben der Hauptstadt. Durch gemeinsame Veranstaltungen mit dem am Journalisten-Kolleg angesiedelten Programm "Europäische Journalisten-Fellowships" begegnen die Redakteure aus dem Osten auch Kollegen aus anderen europäischen Ländern, zum Beispiel aus Frankreich, Italien und der Schweiz.

"Ohne Wissen übereinander kein Verständnis füreinander" - diese von Roman Herzog, ausgegebene Devise bestätigen die jungen Russen, die in Berlin neugierige und aufmerksame Beobachter sind, Kritisch spießen sie vor allem Vorurteile über ihr Land auf, etwa das Klischee, dass überall, wo Russen sind, die Mafiosi lauem, Jelena erzählt, wie sie für den "Spiegel" über russische Immigranten in Berlin recherchierte. Eine Kollegin warnte sie vor einer russischen Jugend-Diskothek, in der sich angeblich die Mafia trifft. Wirklich fand Jelena dort Jugendliche um einen Tisch sitzen, die - ungewöhnlich für ihr Alter - in Anzüge gekleidet waren und ernst miteinander redeten. Wie sie schnell herausfand, waren es aber keineswegs Kriminelle, sondern Gymnasiasten und Studenten, die sich lediglich an das Stück Papier gehalten hatten, das vor der Tür befestigt war: "Abendkleidung erwünscht".

Dass die jungen Journalisten dazu beitragen, Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen, ist auch dadurch gesichert, dass sie bereits von hier aus Berichte an ihre Medien in Russland schicken. Andrej hat unter anderem über die Weltausstellung EXPO 2000 nach Hause gemailt, und Jelena gewährt jungen russischen Lesern einen Blick in die deutsche Jugendkultur.