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Sammlung von unterschiedlichen Beiträgen zu den Themen Massenmedien, Politik und Gesellschaft

29/02/2004 - Von Jurij Lebedev, St.Petersburg

Jugend im III. Reich

Die Einschätzung von einem Russen des Buches von Johannes Hinrich Rudolfsen Eine Jugend im Dritten Reich

Dieses Buch habe ich als grosse Überraschung vom Autor bekommen. Genauer gesagt, mit seiner persönlicher Widmung durch seinen Bruder Hinrich Rudolfsen, Mitglied des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, mit dem ich schon laengere Zeit befreundet bin.

Ich hatte schon längst die Absicht, meine Gedanken über dieses Buch zum Ausdruck zu bringen und nutze jetzt diese Gelegenheit aus.

Das Buch, das Sebstverlag des Verfassers ist, (Kommisionsverlag Schuster Leer, 1. Auflage 2001) faßt mit Anlagen mehr als 350 Seiten um. Das ist, wie ich aus dem Inhalt entnommen habe, die Bilanz des Lebens eines Deutschen, der sich selbst und seine Generation philosophisch und kritisch betrachtet und sich bemüht, mit dem Beispiel der Schilderung vom Leben seiner Generation, den Jugendlichen beizubringen, dass sie niemals so was erleben dürfen.

Ich war sehr beeindruckt zu verstehen, wie ernst und sachlich der Autor sein Werk vorbereitete. Und es geht nicht nur um die skrupellose Forschungsarbeit in den Archiven und sein Streben auf diese Weise, die Fälschungen zu vermeiden, sondern das betrifft auch sein glänzendes Gedächtnis und Fähigkeit, die anscheind unwichtigen Details zu prinzipiell wichtigen Schlussfolgerungen zu fuehren.

Während ich das Buch las, versuchte ich kleine Bemerkungen auf dem Papierbogen zu machen, mit dem Ziel später in Ruhe zu verfolgen, was auf mich besonderen Eindruck gemacht hatte.

Hier sind diese Bemerkungen, die ich nicht aendern liess, weil sie impulsiv und spontann aber auch innig geschrieben sind.

- Interessant, daß diese letzten Tage des Krieges Ansichten eines ganz jungen und unerfahrenen deutschen Soldaten dargestellt werden. Auf der Seite 258 gibt es beeindruckende Beschreibung eines Marsches seiner Einheit aus dem eingekesselten Berlin.

-                     Es gibt keine Kämpfe mehr, aber es fühlt sich, wie ermattert und erschöpft die deutschen Soldaten sind, die in eine für sie unbekannte Richtung ins Ungewisse gehen sollen...

-                     Viele Jahre nach dem Krieg verfolgt der Autor dank den Kriegstagebüchern aus dem Militärarchiv in Freiburg seinen letzten Kampfweg nach Berlin. Es ergab sich, laut diesen Angaben, daß seine Heimatstadt Leer später; als er dachte, von den Verbündeten in Besitz genommen wurde.

-                     Der Autor ist ein tiefer Gläubiger. Symbolisch ist die Szene auf der Seite 258; als er trotz des Alarmes noch kurzes stilles Gebet gesprochen hatte.

-                     Der Autor begreift den Unsinn der Kriegssituation und denkt schon an die Zukunft: Was würde jetzt aus Deutschland werden?, aber dann meint er gleich: Aber noch waren wir Soldaten und hatten unsere Pflicht zu tun und den Anordnungen unserer Vorgesetzten zu folgen.

Für mich, einen Russen, waren diese letzten Tage des Krieges Ansichten eines jungen und unerfahrenen deutschen Soldaten besonders vom historischen Gesichtspunkt interessant: seine Division war I.D. Schlageter zugeordnet dem XXXXVI PzKorps. Seine persönlichen letzten Kriegtage verfolgte er nach 50 Jahren mit Hilfe der Kampfgeschichte dieser Division im Bundesarchiv-Militärachiv Freiburg.

In den letzten Tagen des Krieges hatte weder der Autor, noch andere deutsche Soldaten Soldbücher und Erkennungsmarken im Besitz, sondern nur die Hitlerjugendausweisen. Das bedeutet, daß viele deutschen Gefallenen in der letzten Etappe des Krieges als vermisste Soldaten für ewig geblieben sind, weil ihre Angaben in keine Archiven eingetragen wurden. Bei uns in Russland war dasselbe, besonders am Kriegsanfang.

Umständlich beschreibt der Autor das Leben im Kriegsgefangenenlager der Verbündeten. Beeindruckend ist die Szene, wo die Kriegsgefangenen unter Kontrolle von zwei US-Posten die Waffen und Ausrüstungsgegenstände sammelten. Daß sie weiter nicht kämpften wollten, zeigt das Gefühl, mit welchem sie auf ein mitgeführtes Gespann das alles warfen und alles zu einem Sammelplatz brachten.

Interessant ist die Geschichte der Kapitulation der I.D.Schlageter. Fast das ganze Personal der Divison ist am Leben geblieben. Am Ende des Krieges ist es fast unglaublich. Das Divisionskommando hatte seine Leute für die sinnlose Verteidigung von Berlin nicht geopfert. Vielleicht auch deswegen, weil in der Division meistens die Jugendlichen waren. Wie der Autor später schreibt: Eine Episode ganz ausserordentlicher Art für die jungen Grenadiere, die in eine neue, demokratische Zukunft Deutschlands entlassen wurden und nun wieder die Schulbank drücken mußten. Ich erinnere mich gleich an Der Weg zurück von Remarque.

Sehr interessant ist die Beschreibung auf der Seite 299 der letzten Kämpfe um Leer am 24.4.45: Viele Einwohner hofften darauf, daß die Stadt kampflos übergeben würde. In Russland würde so was für unmöglich sein. Warum und wie? das ist die Frage für eine Diskussion.

Als ich die Seiten 304-305 gelesen hatte, so habe ich gedacht, daß diese Episode ganz bestimmt für die Schulen und das Stadtmuseum in Leer interessant sein könnte. Zum Beispiel, Dokument Die Bekanntmachung (der Kanadier) an die Zivilbevölkerung.

Am 11. Juli 1945 ist Johannes Rudolfsen 17.Jahre alt geworden. Also, den Krieg hatte er als 16-jähriger mitgemacht.

Auf der Seite 317 ist es interessant über die Geschichtsstunden in den deutschen Schulen geschrieben: So wurde das Fach Geschichte alsbald gesperrt. Alle Bücher aus der NS-Zeit verschwanden aus der Schule.

Die Seite 320 - Bibelarbeit: Auch im geistesgeschichtlichen Hintergrund war der Bogen weit gespannt, anfangen mit Martin Luther bis zu den Ausagen etwa der Philosophen Kiergaard und Nietsche und der russischen Dichter Dostojewski und Tolstoi. Sehr angenehm ist es, über die grossen Russen so was zu erfahren.

Die Rolle der Kirche nach dem Krieg: Die Kirche war die einzige grosse öffentliche Instanz, die vom Freund und Feind anerkannt in die neue Zeit hinüberging... An den Schulen wurde der Religionsunterricht wieder eingeführt). In Russland muss es in den Schulen erst ab September 2004 eingeführt werden. Also es steht uns noch bevor. Hier ist der Vergleich zwischen Russland und Deutschland ínteressant: Deutschland wurde besiegt und man brauchte dann die Rolle der Kirche als Unterstützungskraft gegen die Depression. Stalin hatte auch die Kirche in diesem Sinne ausgenutzt. Aber als der Mohr seine Schuldigkeit getan hatte, dann begann die neue Welle der Represaillen gegen die Kirche. Die Sieger brauchten den Gott nicht mehr. Sie hatten sich selbst schon als Götter erklärt.

Ich könnte auch die anderen Seiten anführen, die auf mich den Eindruck gemacht hatten: das sind insbesondere: Seite 27, mit den Gedanken über die Kapitulation von Deutschland, die Seite 40, wenn man die Gechichte der Familie liest und auf diese Weise die Bekanntschaft mit Rudolfsens macht.

Ich meine, dieses Buch könnte eine bemerkenswerte Spur in Deutschland und vielleicht auch in anderen Ländern, z.B. in Rußland hinterlassen. Im Moment hat das Buch vielleicht die Zeit überholt. Heutzutage ist es in Deutschland mehr aktuell, über die Verbrechen der Wehrmacht zu sprechen. Aber, man vergießt oder man will nicht bemerken, daß in dieser Wehrmacht die Leute, wie Johannes Rudolfsen und seine ganz junge Generation als Soldaten eingesetzt wurden. Im Buch von H.G.Stachow Tragödie an der Newa (Herbig-Verlag, München, 2001) habe ich einen interessanten Gedanken gelesen: Sadismus sitzt im Kopf und nicht im Kostüm.

Ich bin ganz sicher: für die Zugehörigkeit an eine Organisation oder Partei, kann man die Menschen nicht anklagen. Das darf sein erst im Falle, wenn ihre konkrete Schuld bewiesen ist. Zuerst waere es besser zu begreifen, daß es das Drama der ganzen damaligen Generation in Deutschland war, wo Soldaten ähnlich wie die Zivilisten auch zu Opfern des Krieges und zu seinen Geiseln geworden sind. Soldaten sind ein Teil seines Volkes und nicht seine Gegenüberstellung. Und so ist es in jedem Land.

Das Buch vom Johannes Rudolfsen Die Jugend im dritten Reich beweist das anschaulich.

© Jurij Lebedev, St.Petersburg, Februar 2004