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Sammlung von unterschiedlichen Beiträgen zu den Themen Massenmedien, Politik und Gesellschaft

5/12/2002 - Wladimir Lawrischko

Da ist so ein Ding

Die Erzählung von einem Schriftsteller aus Kasan

Das Auto war steckengeblieben, Parfjonow öffnete die Tür und sah nach, was hinten los war. Er trat noch einmal aufs Gaspedal. Schlamm flog ihm ins Gesicht.

"Wir haben's geschafft." Parfjonow holte unter dem Sitz einen zerknautschten Lappen hervor, wischte sich das Gesicht ab und überlegte, was zu tun sei. Auf der Frontscheibe zitterte ein Espenblatt. Es war schon gelb und hatte sich zusammengerollt.

"Wo sind wir?" fragte Parfjonow.

Die Karte lag auf dem Schoß seiner Frau.

Er registrierte flüchtig, daß sie in den zwölf Stunden schon ein gutes Stück nach Norden gefahren waren.

"Ich habe dir gleich gesagt, du sollst hier nicht reinfahren." Seine Frau zuckte mit den Schultern. In der letzten Zeit war sie immer sehr erschöpft und fror ständig. Auch heute hatte sie einen Mantel an, obwohl kein Regen angesagt war. "Dieser Weg ist auf der Karte nicht verzeichnet."

Parfjonow schwieg. Auf dem Rücksitz saß seine Tochter und war in das unvermeidliche Kreuzworträtsel vertieft.

"Aserbaidshanischer Lyriker des 16. Jahrhunderts. Mit sechs Buchstaben."

"Lyriker?" fragte die Mutter einschmeichelnd.

"Ruhig Blut, Madam." Parfjonow sah in den Rückspiegel. Die Fresse war natürlich völlig verschmiert. Er drehte den Lappen in der Hand hin und her, um eine saubere Ecke zu finden, wischte sich dann aber doch lieber mit dem Ärmel ab. "Wir werden's überleben. Ist das Beil im Kofferraum?"

"Im Kofferraum."

Parfjonow wühlte in seiner Hosentasche und zog den Schlüssel vom Kofferraum heraus.

"Soll ich dir helfen?" fragte seine Frau.

"Bleib sitzen", antwortete er.

Seine Frau war in der letzten Zeit immer sehr abgespannt. Sie war müde, als sie in Kokand waren, sie war müde, als sie in Baku waren, aus Karaganda hatte er ihr so oft wie möglich geschrieben, dennoch war es ihr schwergefallen, auf ihn zu warten. Parfjonow hatte ihretwegen um Urlaub gebeten.

"Also, wie steht's mit dem aserbaidshanischen Lyriker?" fragte die Tochter.

"Mit drei Buchstaben. Lyriker."

"Sitzen wir fest, Papa?" Die Tochter sah Parfjonow fragend an.

Er zwinkerte ihr zu, kletterte aus dem Auto, krempelte die Hosenbeine hoch, wühlte im Kofferraum nach dem Beil und ging Äste schlagen, um sie unter die Räder zu legen. Hervorragend, sie saßen mitten im Wald. Hierher kam keiner, auf Hilfe konnten sie lange warten. Die einzige Hoffnung waren der Spaten und die Äste.

Eine Stunde später war die Hinterachse frei. Der "Shiguli" heulte laut auf, die Hinterräder schoben sich auf das Holz, doch der Wagen rutschte immer wieder zurück.

"Wir müssen schieben", sagte Parfjonow und lehnte sich zurück. Er drehte den Spiegel zurecht. Das Spiegelbild zitterte und wackelte, dann stand es fest. Auf dem vereinsamten Weg erblickte Parfjonow etwa dreißig Meter vom Auto entfernt zwei junge, kräftige Burschen in Jeanshosen, Lederturnschuhen und bunten Hemden.
Der eine war groß und blond, der andere ein untersetzter Kraftprotz. Sein Hemd hing offen herunter, über der Schulter trug er eine Sporttasche. Als die Autotür quietschte, hoben beide den Kopf, und der Stämmige sagte leise etwas zu dem Blonden. Der nickte.

"He, Jungs!" rief ihnen Parfjonow zu. Er konnte das Glück kaum fassen.

"Sollen wir helfen?" rief der Stämmige zurück.

"Macht uns gar nichts", pflichtete ihm der Blonde bei.

"Gleich." Parfjonow bedeutete seiner Frau, sie solle sich ans Lenkrad setzen.

"Bleib drin!" kicherte der Stämmige, "Das machen wir schon, Kommandeur, Exakt."

Die Tochter legte das Kreuzworträtsel beiseite und strich sich die Haare aus der Stirn.

Der Stämmige nahm die Tasche von der Schulter und legte sie auf den Kofferraum. Er und der Blonde packten zu. "Hopp-la!" kommandierte der Stämmige. Parfjonow schaltete langsam den Gang ein, der Motor heulte auf, der "Shiguli" fuhr an, schob sich ächzend auf die Stämme und fuhr etwa fünf Meter über festen Boden.

"Na, vielen Dank, Männer!" Parfjonow kletterte mit dem Lappen aus dem Auto. "Wischt euch die Hände ab." "Schmeiß her", sagte der Stämmige. Der Blonde betrachtete schweigend die Frauen im Auto. Parfjonow warf dem Stämmigen den Lappen zu, der fing ihn im Fluge auf.

"Und ich dachte schon, du fährst vor lauter Freude mit meiner Tasche weg."

Gemächlich wischte er sich die Hände ab, reichte dem Blonden den Lappen, nahm die Tasche vom Kofferraum und hängte sie sich wieder über die Schulter.

"Aber nicht doch, Männer!" sagte Parfjonow. "Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken soll."

"Nichts einfacher als das", kicherte der Stämmige und blickte zu dem Blonden hin.

Parfjonow wühlte bereitwillig in der Hosentasche, doch der Stämmige unterbrach ihn durch eine Geste.

Der Blonde ließ den Blick nicht von den Frauen im Auto. "Frau und Tochter?" fragte er kumpelhaft und ließ den Lappen auf den Weg fallen.

Parfjonow sah auf den Lappen, zog seine rechte Hand aus der Hosentasche und antwortete zögernd:

"Ja."

"Du läßt uns deine Tochter." Der Blonde blickte träge unter schweren Augenlidern hervor.

"Was?!" Parfjonow vernahm seine eigene Stimme gleichzeitig mit dem Klacken einer herausfedernden Klinge.

Schwer und kalt funkelte das Messer in der Hand des Stämmigen.

Parfjonow erstarrte, er ließ das Messer nicht aus den Augen. Ein fast vergessener Reflex zwang ihn, sich zu ducken. Jetzt hätte er das rechte Bein hochreißen müssen, doch da stieß ein stumpfes Eisen in Parfjonows Rippen.

"Immer mit der Ruhe, Onkelchen". Die Stimme des Blonden klang noch immer träge und verschlafen.

Aus dem Auto drang ein gellender Schrei, die beiden Frauen kreischten zweistimmig.

"Sag ihnen, sie sollen mit dem Gewinsel aufhören." Der Stämmige schwenkte das Messer. Die Sonne brach durch die Wolken und spiegelte sich schaukelnd in der Pfütze.

Bis zum Stämmigen waren es zwei Schritte. Bis zum Auto sieben. Der Stämmige stand zwischen Parfjonow und dem Auto, Parfjonow zuckte, doch sofort spürte er wieder das kalte Metall zwischen den Rippen. Der Stämmige hatte es fünf Schritte bis zum Auto. Und die Pistole in Parfjonows Seite… Wenn seine Frau jetzt...

"Hört auf! Was schreit ihr so?" Parfjonow blickte zu seiner Frau. Sie saß hinterm Lenkrad. Der Motor lief. Sie brauchte nur aufs Gaspedal zu treten.

"Was schreit ihr so?" wiederholte er und wandte sich an den Blonden. "Schluß jetzt mit dem Unfug. Was wollt ihr?"

"Du läßt uns deine Tochter", sagte der Blonde und bohrte das stumpfe Metall noch fester zwischen Parfjonows Rippen.

"Was denkt ihr euch? Habt ihr den Verstand verloren?" Parfjonow versuchte die Worte in die Länge zu ziehen. Wenn seine Frau jetzt...

"Du scheinst den Verstand verloren zu haben, Onkelchen. Ich hab dir doch klipp und klar gesagt - deine Tochter bleibt hier."

"Hast du gehört, Mutter?" Parfjonow wandte sich an seine Frau. Sie stand bereits auf dem Weg. Hochaufgerichtet und schmächtig, die Hände in den Manteltaschen. Sie stand neben der Tür. Seine zu Tode erschöpfte Frau.

"Ich gehe mit. Paßt euch diese Variante, Jungs?"

Ihre Lippen waren fest zusammengepreßt, das Gesicht spitz. In ihrer Stimme klang eine solch eisige Abscheu, daß Parfjonow fühlte, wie der dickärschige Blonde hinter ihm zusammenzuckte. Dieses Angebot konnten sie schlecht ablehnen. Parfjonow begriff entsetzt, daß seine Frau die Situation genau erfaßt hatte.

"Madam!" Der Blonde verzog seinen Mund. "Es wäre eine Schande, einer solchen Frau einen Korb zu geben, Madam. Ich bitte um Verzeihung, Madam. Nur Sie, Wenn... wenn Ihr Mann nichts dagegen hat."

"Hast du nichts dagegen, mein Teurer?" Parfjonow spürte wieder das stumpfe Eisen in der Seite.

"Du wirst was gefragt, alter Esel", sagte der Stämmige. "Antworte gefälligst!"

"Ein schlecht erzogener Mensch." Der Blonde seufzte und stieß mit der Schuhspitze den vor seinen Füßen liegenden Lappen weg. "Leuten, die ihm in schwerer Minute geholfen haben, schmeißt er einfach den Lappen hin. Anstatt zu ihnen hinzugehen und ihnen den Lappen zu reichen. Ein sehr schlecht erzogener Mensch."

"Und halsstarrig wie ein Esel", pflichtete der Stämmige bei.

"So was Unerzogenes."

"Und halsstarrig wie ein Esel. "

"Er ist schlecht erzogen. Ein gut erzogener Mensch hätte sich schon längst ins Auto gesetzt und wäre abgedampft."

"Er versteht die menschliche Sprache nicht, weil er so halsstarrig ist wie ein Esel. Wir fragen mal das Töchterchen, ob es mit uns spazierengehen will, vielleicht kapiert er dann, der alte Esel!"

"Ja...", der Blonde zog das Wort nachdenklich in die Länge. "Er ist ein alter Esel."

"Und ein halsstarriger", ergänzte der Stämmige.

"Ein unerzogener Esel mit 'ner Karre."

"Vielleicht ist er ein Spießer?" Der Stämmige spuckte in Richtung Auto. "Wozu braucht er eine Karre? Sicher hat er sein ganzes Leben für diese Schrottkiste gespart."

"Hat seine Familie um die Freuden des Lebens gebracht", fiel der Blonde ein. "Die Tochter hat kein Eis gekriegt und die Frau keine Liebe. Dabei hätten Sie's wahrlich verdient, Madam."

"Vielleicht hat er geklaut?" meinte der Stämmige.

"Nicht mal das kann er. Der hat ehrlich geschrubbt. Ein guter, gesetzesfürchtiger Bürger, der sich nur von Fischsuppe ernährt hat, um das Geld für diese Schrottkiste hier zu scheffeln."

Parfjonow blickte zu seiner Frau. Sie hatte Ringe unter den Augen. Das letzte Mal war sie in Kokand todmüde gewesen. Parfjonow war schon lange vor ihr erschöpft, aber das hing mit seinem Beruf zusammen. Den Urlaub hatte er wegen ihr bekommen.

"Wieviel Jahre hast du Hering gefressen, alter Esel?" fragte der Stämmige.

Parfjonow blickte seine Frau an. Nur er wußte, wie müde sie war.

"Ein Mann, der nach Hering stinkt, braucht kein Auto."

"Und keine Frau."

"Setz dich in deine Karre und hau ab. Ohne Fisimatenten. Merk dir das."

"Leb wohl, lieber Freund." Der Blonde stieß Parfjonow die Pistolenmündung in die Seite.

Parfjonow wandte den Blick nicht von seiner Frau.

"Fahr!" sagte sie.

Parfjonow sah zu seiner Tochter. Sie stand in der Pfütze neben dem Auto und preßte ihre Hände gegen die Brust.

"Fahr!" wiederholte die Frau.

"Bist du bei Trost?!" schrie Parfjonow mit den Augen. "Bist du noch bei Trost?!"

"Alles halb so schlimm", sagten ihre sich schließenden Augenlider.

"Fahr! Du bist doch nicht..."

"Bist du denn verrückt?!"

"Fahr!"

"Ira", Parfjonow ließ den Blick nicht von seiner Frau, "setz dich ins Auto."

Die Tochter drehte sich um, preßte immer noch die Hände an die Brust und ging zum Auto. Parfjonow bewegte sich langsam auf sie zu. Er spürte noch die Kälte des Schießeisens links auf dem Rücken unter der Rippe. Und eine Leere. Diese Leere hinter seinem Rücken hallte in den Ohren wider, mit jedem Schritt schallte sie lauter.
Parfjonow setzte sich hinters Lenkrad und erkannte im Rückspiegel seine Frau. Der Wind hob den Saum ihres Mantels. Neben ihr stand der Dickarsch und richtete seine Pistole auf das Auto. Parfjonow schaltete aus. Versehen die Scheibenwischer ein, am linken Wischer klebte das Herbstblatt und wurde vor seinen Augen hin und her gezerrt.
Parfjonow schaltete die Scheibenwischer aus, fuhr ruckartig an und hörte nicht auf, in den Rückspiegel zu schauen, wo er die drei Figuren verschwinden sah.

"Ich springe jetzt raus", sagte er zur Tochter. "Du nimmst das Lenkrad. Schlag die Tür nicht zu. Du fährst weiter."

"Ich kann nicht fahren."

"Du kannst. Die Gangschaltung nicht anfassen. Den linken Fuß aufs Gaspedal. Die Hände aufs Lenkrad. Immer den Weg entlang. Ungefähr fünf Minuten. Dann drehst du den Schlüssel um. Nimmst den Fuß vom Pedal. Bleibst stehen. Die Bremse ist unter dem rechten Fuß. Wiederhole."

"Ich nehme den Lenker. Den linken Fuß aufs Gaspedal. Immer den Weg lang. Schlüssel umdrehen, anhalten. Die Bremse ist unter dem rechten Fuß."

"Richtig", sagte Parfjonow. "Schlag die Tür nicht zu."

Die Tochter nickte.

Dort, wo ein Busch einsam emporragte, lenkte Parfjonow den Wagen an den Wegrand. Die Tür hielt er mit der linken Hand, die das Beil umklammerte, offen. Etwa fünf Meter vor dem Gebüsch ließ er das Beil auf den Weg fallen, rollte über die Schulter aus dem Auto und fiel auf knorrige Wurzeln. Dann wälzte er sich vom Weg ins Gebüsch, sprang auf die Beine und schaute sich um. Das Auto schlenkerte zwar hin und her, bewegte sich aber vorwärts. Vorsichtig schob er die Zweige auseinander, blickte auf den vereinsamten Weg, kroch zum Beil und ließ sich wieder zurück ins Gebüsch rollen, da er befürchtete, die beiden würden den Weg beobachten. Er robbte bis zum Unterholz, erhob sich und rannte geduckt durchs Gestrüpp direkt auf den Wald zu, wobei er den Unterarm schützend vor die Augen hielt.

Parfjonow überlegte beim Rennen, daß es gut wäre, wenn der Fettarsch die Pistole behalten hätte, denn diesen könnte er besser treffen. Egal wer die Pistole hatte, zuerst müßte er sie ihm aus der Hand schlagen. Zwei Pistolen hatten sie bestimmt nicht. Sonst hätten sie nicht mit dem Messer gedroht. Parfjonow hatte Angst, sein Ziel zu verfehlen. Er hatte keine Zeit, die Zweige auseinanderzuschieben. Deshalb schützte er die Augen mit dem Ellenbogen und rannte fast blind voran. Der rechte Fuß verfing sich in einem verrosteten Topf.

"Verdammt!" zischte Parfjonow und schüttelte das lästige Gefäß vom Fuß. In dem Moment, wo er es zur Seite schleuderte, begriff er, daß er in einen verrosteten Stahlhelm getreten war. Wie ein sowjetischer Helm sah er nicht aus, die Ecken waren abgerundet. Parfjonow hatte solche Helme schon mal im Kino gesehen. Doch bevor ihm das alles durch den Kopf ging, war er schon weitergerannt. Ein anderer dummer Gedanke blitzte auf - der "Fleischwald". Vielleicht weil der Helm wie ein Topf aussah, oder weil sich ihm während der tagelangen Autofahrt die Landkarte so fest eingeprägt hatte. Parfjonow verdammte diese irren Phantasien, arbeitete sich zum Weg durch und fluchte erneut: drei Spuren führten über den Abhang auf die andere Seite in den Wald. Er mußte also den Weg überqueren. Wenn sie sich auf der anderen Seite versteckt hielten, dann standen Parfjonows Chancen eins zu einer Million. Doch wartete er, wurden seine Chancen auch nicht besser, und die drei konnten schon weit weg sein. Parfjonow rannte im Zickzack über den Weg, so daß seine Chancen auf eins zu tausend stiegen.

Er kam wohlbehalten auf der anderen Seite an, warf sich auf die Erde und lauschte. Neben ihm raschelte etwas, Parfjonow schielte zur Seite und gewahrte eine Eidechse. Ihr Rücken war rostfarben wie das Laub vom Vorjahr, Sie erstarrte für einen Augenblick, huschte dann lautlos über den Boden und verschwand.

Parfjonow stand auf, faßte das Beil bequemer und ging weiter, die Spuren aufmerksam verfolgend. Sogar im Wald war die Erde naß, und man konnte erkennen, daß die drei vom Weg nach rechts abgebogen waren. Der der Turnschuhe seiner Frau - Parfjonow hatte die Sohle an der Spitze des rechten Schuhs selbst angeklebt - war von Zeit zu Zeit verschwunden und tauchte dann dort wieder auf, wo das Gras nicht so dicht wuchs und die Schicht des herabgefallenen Laubs dünner war.

Die Spuren führten nach rechts und dann nach oben, der Wald streckte sich bis zu einem sanften Hügel. Dann begann Mischwald. Nadelbäume versperrten Parfjonow die Sicht, dennoch beschloß er, in die Niederung hinabzusteigen. Mechanisch nahm er einen frisch gebrochenen, herabhängenden Tannenzweig wahr, dann noch einen…

Als er auf den dritten stieß, hatte er keine Zweifel mehr. Alle Zweige waren in seiner Schulterhöhe gebrochen. Parfjonow setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, damit die Zweige nicht knackten. Plötzlich hallte ein Schuß. Dann noch einer. Fast gleichzeitig. Parfjonow stürzte los, ohne auf den Weg zu achten. Was da passierte, war kein Versteckspiel mehr. Er raste auf eine Lichtung hinaus, direkt auf die Mündung der Pistole zu.

Seine Frau saß unter einem knorrigen, mit silbrigem Moos bewachsenen Baum und hielt die Pistole in der Hand. Etwas abseits lag das Gerippe einer halbverfaulten Kiste. Das Eisen, das diese Kiste zusammenhielt, spießte schief im Gestrüpp violetter Moosblumen. Parfjonow hatte bereits die gute Hälfte seines Lebens hinter sich, aber Pflanzen konnte er immer noch nicht unterscheiden.

"Kolja", sagte seine Frau, "ich habe sie umgebracht."

Ihr Rock war über die Knie gerutscht. Sie saß breitbeinig da und blickte Parfjonow mit starren Augen an. Zuerst erschrak er: vielleicht war sie verwundet? Er fiel auf die Knie, umarmte und befühlte sie in der Befürchtung, auf etwas Klebriges, Feuchtes zu stoßen.

"Du lebst?! Du lebst?!"

"Ich habe sie umgebracht, Kolja!" Seitdem er bei ihr war, hatte sie sich kein einziges Mal bewegt. "Mir ist nichts passiert."

Parfjonow nahm ihr vorsichtig die Pistole ab. Die "Walter", die noch aus der Vorkriegszeit stammte, war voller harter, bröckliger Schmiere, an den Tannennadeln klebten.

"Woher hast du die?" fragte Parfjonow.

"Mir ist nichts passiert", wiederholte seine Frau.

Parfjonow schüttelte sie an den Schultern.

"Da", sie deutete auf die halbverfaulte Kiste. Erst jetzt gewahrte Parfjonow neben der Kiste im Gras den Stämmigen. Er lag mit dem Gesicht nach unten, das Hemd war nach oben gerutscht, die Pfütze, die unter seiner linken Körperhälfte anwuchs, breitete sich nicht aus, sondern wurde von der Erde aufgesogen. Auf diesem nassen Fleck krabbelten hilflos Ameisen.

Parfjonow erhob sich von den Knien, ging zu dem Stämmigen und schob mit der linken Fußspitze seinen Kopf zur Seite. Der Stämmige war tot. Weiter vorn lag halbgeöffnet die Tasche, die er auf der Schulter getragen hatte. Parfjonow stieß auch sie mit dem Fuß an, und dunkle, ineinander verkeilte Eisenstücke fielen ins Gras. Parfjonow beugte sich hinunter, hob ein Eisen auf und wischte es mit dem Ärmel ab. Ein Hakenkreuz, umrahmt mit Eichenlaub, wie er annahm.

So hatte er es jedenfalls in Büchern gelesen. Der Rost hatte die Verzierung unkenntlich gemacht. Die Jungs handelten mit Hakenkreuzen. Ihn wunderte, wie es seiner Frau gelungen war, Schüsse abzugeben. Sie hatte noch nie im Leben eine Pistole dieses Kalibers gesehen.

"Wie hast du das geschafft?" fragte Parfjonow, die "Walter" immer noch fest in der Hand haltend.

"Da ist so ein Ding…", sagte seine Frau.

Sie saß noch immer unbeweglich da, ihre Hände ruhten auf dem hochgerutschten Rock. Der Mantel war aufgeknöpft und die Mantelschöße lagen weit auseinandergeschlagen auf der Erde. Im Schoß seiner Frau sah Parfjonow eine kleine, dunkle Hülse, die auf die Erde rollte, als seine Frau sich bewegte. Parfjonow suchte mit den Augen den Blonden. Hinter dem Baum, an dem seine Frau lehnte, stöhnte es. "Wo...?" fragte er. Mehr konnte er nicht herausbringen. Er erhob sich, klopfte mechanisch die Tannennadeln von seinen Hosen, schob die Zweige auseinander und erblickte den Blonden. Der lag mit weitgeöffneten Augen auf dem Rücken und preßte seine blutüberströmte Hand gegen die Brust. Die andere war in die Erde gekrallt, drei Zentimeter von einer Pistole entfernt. "Hilf mir...", röchelte er. "Du Schwein..." In seinem Mundwinkel zerplatzte ein Bläschen und rosa Speichel rann aufs Kinn.

"Gleich", sagte Parfjonow und senkte die Mündung der "Walter", so daß das Visier genau auf die Nasenwurzel zielte.

"Da ist so ein Ding..." hörte er in Gedanken seine Frau sagen, und er drückte auf dieses "Ding".

Der Blonde zuckte, das linke Hosenbein rutschte hoch, das Bein streckte sich und erstarrte. Auf dem entblößten Fuß war eine Tätowierung zu sehen: "Sie sind erschöpft." Parfjonow las die drei Worte und sagte nachdenklich:

"Wir auch."

Er mußte noch zurück zum Auto und den Spaten holen. Er sicherte die "Walter" und steckte sie in die Hosentasche.

"Da trat Petrus zu ihm, und sprach: Herr, wie oft muß ich denn meinem Bruder, der an mir sündigte, vergeben? Ist's genug siebenmal?
Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir, nicht siebenmal, sondern siebenzigmal siebenmal."
Matthäus, Kapitel 18, Vers 21

Deutsch von Antje Leetz.
Aus "Der Knabe der Jahrhudert"
editions q Verlags GmBH Berlin