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BIBLIOTHEK
Sammlung von unterschiedlichen Beiträgen zu den Themen Massenmedien, Politik und Gesellschaft

auf russisch
Andrej Kobiakow
Übersetzug: Holger Schmidt

Sehr geehrte BesucherInnen!

Dies ist die Übersetzung des Originalartikels, der am 29.11.2001 in der Zeitung „Republik Tatarstan“ veröffentlicht wurde. Gründer der Zeitung sind die Behörden von Tatarstan. Deshalb war es mir nicht möglich, gewissen politischen Korrekturen zu entgehen. Mit Rot habe ich die gelöschten Wörter markiert, in die [Klammern] Zusätze und Ersatzworte eingesetzt.

Beruf Nr. 021400
oder
die Aushöhlung der 4. Macht

Aus den Notizen eines Provinzjournalisten

Im „Freien Russisch-Deutschen Institut für Publizistik“ (FRDIP) der Moskauer Lomonossov-Universität fand das IV. Symposium „10 Jahre Entwicklung der Politik – 10 Jahre Entwicklung der Medien“ statt.

FRIDP – Schmiede für künftige Europäer?

Vom Hotel „Rossija“ bis zur Journalistischen Fakultät der Moskauer Universität ist es für Moskauer Verhältnisse nur ein Katzensprung. Hinter den reparaturbedürftigen Zuckerbäcker- Fassaden würde der Betrachter allerdings kaum eine Elite-Schule für Journalisten erwarten. Sobald man jedoch über die Schwelle getreten ist, fühlt man sich in seinem Element: Das Foyer, die Korridore und Studienräume, sogar das Raucherzimmer – alles „atmet“ Journalismus ( dieses schwierige, undankbare und doch so wichtige Metier).

Vor sieben Jahren wurde unter dem Dach der schon unabhängigen Universität eine neue Hochschule gegründet. Zu einer Art Leitspruch wurden die mahnenden Worte des damaligen deutschen Botschafters Otto von der Gablenz bei der Eröffnungsfeier: „Die Demokratie ist nur in den Ländern stark, in denen sie durch starke und verantwortungsbewusste Journalisten gestützt wird.“

Das Institut pflegt die alten Traditionen der Moskauer Universität: Die Hälfte der Vorlesungen wird von deutschen Professoren gehalten. Unter der Leitung von zwei Direktoren, den Professoren Galina Voronenkova und Dietrich Ratzke, lernen die Studenten innerhalb von vier Jahren, in komplexen und dynamischen Konzepten zu denken. Sie werden mit dem Wesen des europäischen Pluralismus vertraut gemacht, ohne sich von den besten Traditionen des russischen Journalismus zu entfremden.

Hier gibt es auch einen Klub der Absolventen. Die Alma Mater ist jederzeit offen für den, der seine Erfolge feiern möchte oder Mitgefühl und ehrlichen Rat sucht. Außerdem zeichnen sich echte Europäer dadurch aus, dass sie auch im vorgerückten Alter noch zu den Lernenden gehören

Parallel zum Studium an anderen Fakultäten der Moskauer Universität können sich Studenten in diesem Institut zum Journalisten ausbilden lassen. Finanzielle und fachliche Unterstützung erhält das Institut durch das deutsche Bundespresseamt, das Deutsch-Russische Forum und andere Organisationen. Die Moskauer Niederlassung des Daimler-Chrysler Konzerns ist Hauptsponsor der Symposien sowie der Praktika, die Studenten jedes Jahr in Deutschland absolvieren können.

Die fünf „W“ des Journalismus

Nach den Worten von Matthias Kleinert, Generalbevollmächtigter für das Auslandsgeschäft des Daimler-Chrysler-Konzerns und ehemaliger Journalist, stellen die Fragepronomen "Wer", "Wo", "Was", "Wann" und Warum eine Allegorie der journalistischen Tätigkeit dar. Die Aktualität, Komplexität und Objektivität der Antworten sind wiederum abhängig vom Niveau des Journalisten.

Die Freiheit des Wortes und die moralische Unabhängigkeit des Bürgers sind, so der jetzige deutsche Botschafter Ernst-Jörg von Studtnitz, der wichtigste Maßstab für Demokratie.

Das Wort „Pressefreiheit“ war auf diesem Symposium generell sehr oft zu hören. Man diskutierte und stritt darüber, analysierte und kritisierte es sogar. Aber immer im Zusammenhang mit unserem Beruf – der im staatlichen Ausbildungsstandard mit der Nummer "021400" angegeben ist.

Furcht und Macht – die Hauptgegner des Journalisten im Kampf für die Pressefreiheit“

Natürlich darf man diesen Worten, gesprochen vom Dekan der Journalistischen Fakultät Jassen Nikolaevitsch Sassurskij, ein gewisses Misstrauen entgegenbringen. Aber mit welchem Recht – wo doch seine Lippen eine Realität beschreiben, mit der er seit langem Erfahrung hat. An wütende Blicke und beleidigende Repliken gewöhnt, ist in den scharfen Worten, mit denen wir Journalisten die Mächtigen geißeln, auch unsere Furcht spürbar.

"Dort kann man keine Kritik vertragen" warnte mich ein Bekannter "von oben". Wer würde das bezweifeln? Der angemessene Umgang mit Kritik – nur ein Privileg verantwortungsbewusster Intellektueller? Nicht jeder verfügt über soviel Verstand, eine Bemerkung zum Anlass für eine kritische Selbstbetrachtung zu nehmen. Nicht alle Machtinhaber können ihre Kräfte zügeln.

In Deutschland wurde nach der Wiedervereinigung das Wort „Wendehals“ populär. In der russischen Sprache versteht man darunter „Wertischejka“ – ein Vögelchen, das bei der Futtersuche seinen Kopf um 180 Grad drehen kann. Mit diesem Wort wurden diejenigen ehemaligen DDR-Beamten bezeichnet, die sich opportunistisch in eifrige Demokraten verwandelten. Unterscheidet sich dieses Vögelchen doch auch dadurch vom Adler, dass sein Verhalten durch die Sorge um das Futter bestimmt wird. Denn sein Mut wird nicht etwa durch Vernunft oder Moral begrenzt, sondern durch die Anpassung an vorgegebene Denkmuster.

Sehr treffend charakterisierte der Präsident des Fonds „Glasnost“ Alexej Simonov das Verhalten von pseudodemokratischen Journalisten:

„Sie ähneln dem Vogel Strauß, der seinen Kopf in den Sand steckt und mit dem Rest des Körpers zu lächeln versucht.“

Was ergibt sich aus diesen Überlegungen? Letzten Endes entwickelte sich dieses Symposium zu einem internationalen Konsilium, das versuchte, den Zustand des Journalismus und der Massenmedien unseres Landes zu diagnostizieren. Zum Schluss wurde das Urteil über eine Gesellschaft gesprochen, die unfähig ist, Macht zu errichten und Ängste zu überwinden

Diagnose: „Bürgerlosigkeit“

- dieses Wort gibt es in keinem Wörterbuch und doch kennzeichnet es am besten das Wesen unserer Gesellschaft.

Man wird an die Allegorie von Professor Tschubais erinnert, der Russland mit dem am Kreuzweg stehenden Märchenhelden verglich. Der erste Weg führt zur „überarbeiteten und verbesserten Ausgabe“ der UdSSR. Auf dem zweiten Weg wird das westlichen Modell kopiert. Auf dem Dritten Weg tritt man die Nachfolge des historischen Russlands an.

Der „Eiserne Vorhang“ ist schon gefallen, aber das „rote Fundament“, das 1917 gelegt wurde, muss noch zerstört werden

Doch wie man sieht, gibt es noch einen vierten Weg. Auf diesem Weg schwankt, wie nach einem schweren Rausch, das heutige Russland. Und hartnäckig versucht es, auf allen drei Wegen gleichzeitig voran zu kommen.

Urteilen Sie selbst! Auf dem zentralen Platz unseres Landes liegt in einem Ehrenmal der Mörder der Zarenfamilie, deren Reste wir just zu dieser Zeit feierlich begraben. Wir schaffen den Orden „Andrej Pervosvannyj“ und feiern gleichzeitig mit allem Pomp die Jubiläen des KGB und des Kommunistischen Jugendverbandes. Wir hissen unsere neue dreifarbige Nationalflagge und singen dazu die sowjetische Hymne.

Oh, wie viel Kraft kostet uns dieser Marsch in drei verschiedene Richtungen – warum lösen wir uns nicht aus diesem „ideologischen Kamasutra“?

Aber das wichtigste fehlt noch – die juristische Bewältigung der sozialistischen Diktatur. Nach dem 2. Weltkrieg gab es in Deutschland viele Menschen, die sich seufzend nach Hitler sehnten. Doch nachdem die Wahrheit über Dachau und Auschwitz bekannt wurde, hörten einige dieser Seufzer auf. Aber wer wird bei uns dafür zur Verantwortung gezogen, dass Menschen in Gulags starben und das übrige Volk zur apathischen Masse verkam?

Wenn doch nur einer der „Sekretäre“ dafür hinter Gittern gelandet wäre, dass er dem Volk „rote Märchen“ erzählte und damit das Land um Jahrzehnte zurückwarf? Aber statt dessen sind viele der „treuen Nachfolger Lenins“ noch heute an der Macht. Doch solange nur einer von ihnen noch ein Amt oder eine Funktion ausübt, kann es bei uns keine demokratische Gesellschaft geben. Denn „Wertischejka“ heißt: Privilegiertes Leben auf Kosten der bürgerlichen Freiheit.

Faktische Zensur

An die Futtertröge gelangt man heutzutage nur unter den Augen einer breiten Öffentlichkeit, die 10 Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ entstanden ist. Daher musste man die Ventile ein bisschen öffnen und wenigstens die „Freiheit des Wortes“ verkünden. Aber...

Was, glauben Sie, sagt ein Kind, dem man immer wieder für Wörter, die es auf der Straße aufgeschnappt hat, den Mund verboten hat? - Schimpfwörter! Wenig anders sind die „Ambitionen unserer hiesigen „Fernsehstars: Geschmacklose Talkshows, Erotik bis hin zu verschwitzter Pornographie, Blut und Leichen in Großaufnahme, Beleidigungen vor einem Millionenpublikum. Einige Medien, „befreit“ von Eingriffen der Sittenwächter, sind bis zur Unerträglichkeit lächerlich und jämmerlich. Gegen eine bestimmte Summe kann man sogar ein Interview bestellen ... mit sich selbst. Als „Werbedienstleistung“ kann irgendein Provinzchef seinen Namen mitten in eine Auflistung von Gedenktagen drucken lassen und dann in einer Reihe ...mit Jeanne d´Arc erscheinen. Gott sei Dank kann wenigstens von der Jungfrau von Orleans kein Honorar mehr verlangt werden.

Das Schlimmste ist, dass uns dafür niemand mehr den Mund verbietet. Im Gegenteil - „Brot und Spiele für das Volk!“ grölt es aus Büros und Ministerien.Ergötzen, ja berauschen wir uns weiter am Feuerwasser der Pseudofreiheit – bloß nicht analysieren oder nachdenken. Die Mächtigen dieser Welt ließen uns sogar glauben, wir wären die Vierte Macht. Obwohl – eigentlich sollte die öffentliche Meinung die Vierte Macht sein - die Presse ist nur ihr Instrument.

Man muss sich nicht darüber wundern, dass bei der letzten demoskopischen Untersuchung durch den russischen Journalistenverband 58% der Befragten für die Wiedereinführung der Zensur waren. Ach, was für ein Volk! Auch der nicht unbekannte Journalist Minkin trat offenbar in seinen letzten Artikeln für die (früher von ihm bekämpfte) Zensur ein.

Dafür sind wir jetzt wegen anderer Dinge dran! Artikel, die den Bürger aufklären und zum Nachdenken anregen, können den Autoren das Leben kosten. Nein, die Zensur im klassischen Sinne gibt es nicht mehr. Doch sie gedeiht im Verborgenen, versteckt sich hinter den weißen Kragen der Eigentümer, der Gründer und der um ihre Sessel bangenden Chefredakteure (und spuckt auf den 3.Artikel und 18. Artikel des russischen Pressegesetzes). Und dann gibt es noch die faktische Zensur. Das ist die übelste Art und Weise, Pressefreiheit zu gewähren.

Vorwärts!

Während des Symposiums wurden von Jgor Jakovenko, Generalsekretär des russischen Journalistenverbandes, Beweise vorgelegt, dass in Russland seit Beginn der demokratischen Reformen 200 Journalisten ermordet worden sind.

Aber in Wirklichkeit sind auch gewisse staatliche Maßnahmen nichts anderes als Mord oder Vergewaltigung an Massenmedien. Die heutigen Folterinstrumente sind so alt wie die Welt – finanzielle, vor allem steuerliche Daumenschrauben.

Nach den Worten von Jakovenko gibt es in Russland –zig politische Regimes, dazu jeweils die eigene Auffassung von Pressefreiheit. Allerdings darf man annehmen, dass der gegenwärtige russische Präsidenten beabsichtigt, diese Vielzahl zu [s]einer einzigen zusammenzufassen. Sozusagen als Zwischenstadium zu einem Russland, das aus einer Marschkolonne von sieben Regionen besteht - hier versucht man es mit den gegebenen Staatsvollmachten, dort mit den „Folterinstrumenten“. Ist das nun gut für Russland oder nicht?

Falls es Putins Absicht entspricht, „zwei Schritte vor, einen zurück zu machen – meinetwegen. Aber wenn nicht? Dann besteht die große Gefahr, dass sich die russischen Massenmedien in ein kleines Orchester verwandeln, dass vom Presseministerium dirigiert wird. Die Gefahr ist groß, aber nicht absolut. Denn Putin ist nicht Castro und das Internet kann auch in Russland niemand mehr verbieten. Viele Journalisten finden sich heutzutage damit ab, dass ihre Artikel nur „kastriert“ in den Kolumnen erscheinen - wenigstens können sie die Artikel in voller Länge auf ihren eigenen Webseiten präsentieren. Und auf diesen Seiten ist die Zahl der Besucher oft größer, als bei den Online-Ausgaben einiger Regionalzeitungen.

… So ist es auch symptomatisch, dass der Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen Zeitung“ Sergej Lochthofen nicht zum Symposium anreisen konnte. Man hat ihm zwar nicht das Visum verweigert (was zu offensichtlich gewesen wäre), aber auf wenig glaubhafte Weise ging sein Reisepass im Konsulat verloren.

Und nicht zuletzt sollte uns ein Umstand aufhorchen lassen, auf den die Universitätsdozentin Tamara Jakova aufmerksam machte: In seiner diesjährigen traditionellen Grußbotschaft an das Parlament sprach Präsident Putin nicht einmal das Wort „Presse“ oder „Pressefreiheit“ aus, ja er schien die Massenmedien völlig vergessen zu haben. Dabei hatte er noch im letzten Jahr darüber nachgedacht, wie sich aus den Massenmedien „zivilisierte Großunternehmen“ machen ließen.

Die Sorge um die Zukunft unserer Massenmedien war auch das Hauptthema der Rede des „Zeit“- Korrespondenten Michael Tumann.

KGB-Allüren

Staatliche Macht verfährt gern nach dem Prinzip: „Je weniger der Bürger weiß, umso mehr Handlungsfreiheit gewinnt die Politik.“ Doch während die US-Regierung die Medien allenfalls fern der Heimat, z.B. in Afghanistan, in den Griff bekommt, so gelingt dies der russischen Regierung schon im eigenen Land. Dieser Einfluss auf die Massenmedien resultiert, so Michael Tumann, aus den Reformen der Staatsmacht, die seit 1999 demokratische Regeln zunehmend missachtet und Präsident Putin maximale Freiheit für seine politischen Manöver lässt. Seit anderthalb Jahren würde sich die russische Regierung vehement um die Rechte der Eigentümer und Geldgeber von Zeitungen kümmern, vor allem derjenigen in Privathand. „Schulden müssen pünktlich bezahlt werden“ heißt es. Ein hübscher Slogan, der sich im Westen gut verkaufen lässt.

Die oppositionellen russischen Journalisten warnen davor, dass die Pressefreiheit im postsowjetischen Russland systematisch zerstört wird. Die Regierung tut dies als „Hysterie“ ab.

Wer ist im Recht? Niemand! Denn in Russland sind „Pressefreiheit“ und finanzielle Probleme eng miteinander verzahnt. Seit den 90-er Jahren gehören die russischen Massenmedien entweder ehrgeizigen Oligarchen oder Kreml-hörigen Geldsäcken oder direkt dem Staat. Die Verwaltungen und die Kapitaleigner spielen daher nur an der Hundeleine. Deshalb ist es auch nicht korrekt, alle oppositionellen Journalisten Russlands zu Helden zu stilisieren. Ich würde ergänzen: ...aber alle mehr oder weniger vorsichtigen Zauderer zu Konservativen oder Wendehälsen.

Viele waren in den 90-er Jahren gezwungen, Kompromisse einzugehen und ihre Artikel nach den Wünschen der Geldgeber zu schreiben. So zwang der Medienzar Gussinskij im Präsidentenwahlkampf 1996 seine Journalisten, aus dem ziemlich heruntergekommenen Präsidenten Jelzin einen „Retter der Nation“ zu machen. Irgendwann erhielt er dann vom halbstaatlichen Konzern „Gasprom“ ein großzügiges Darlehen. Die Vorleistung war erbracht, der Auftrag erfüllt.

Nach einem anderem Drehbuch liefen die Ereignisse in der Redaktion der Zeitung „Isvestia ab. Die Redakteure ließen 1997 einen „Le Monde- Artikel nachdrucken, in dem vom ausländischen Dollarvermögen des Ministerpräsidenten Tschernomyrdin die Rede war. Der Chefredakteur weigerte sich, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen, und bald darauf „verabschiedete“ sich der Vorstand des Konzerns „Lukoil“ von dem starrköpfigen Leiter der zum Konzern gehörigen Zeitung.

Der wesentliche Unterschied zwischen gestern und heute besteht darin, dass die Oligarchen früher die Massenmedien als politische Geschütze benutzten – sie bekämpften sich untereinander, aber trafen auch gleichzeitig den Kreml. Doch so sehr auch die Schlachten tobten, am Ende siegte die Meinungsvielfalt. Putin und seine Truppe sind jedoch, im Gegensatz zu Jelzin, eifrige Medienkonsumenten. Sie sehen sich oft Gussinskijs NTV an und lesen alle kritischen Artikel, auch ausländische. Sie möchten das Image der Regierung im politikverdrossenen Russland verbessern und das Bild Russlands in der Welt auffrischen. NTW berichtete landesweit über das Elend der Flüchtlinge in Tschetschenien, über die Zahl der gefallenen Soldaten, über Splitterbomben in Wohngebieten und Folter in Filtrationslagern. Ausländische Journalisten trugen das weiter.

Was tun? Russische Beamte entdeckten die Vorzüge des Rechtsstaates. In den chaotischen Zeiten der Jelzin-Präsidentschaft wurden Medien planlos privatisiert, viele besaßen nicht einmal ordentliche Gründungsstatute oder eine funktionierende Buchhaltung, die mit den ständig wechselnden Gesetzen Schritt hielt. Wer die Bücher prüft, stößt in jedem russischen Unternehmen auf Unregelmäßigkeiten. Deshalb bekommen oppositionelle Medien in Russland so regen Besuch von Steuerfahndern und Gesetzeshütern in Strumpfmasken. Jedoch konnten sie bei z.B. bei NTW nie soviel Beweismaterial finden, dass es zur Schließung des Senders gereicht hätte.

Doch es blieben die Schuldenberge des Eigentümers. Gussinskij schuldete dem halbstaatlichen Konzern Gasprom Hunderte von Millionen Dollar. Genau hier kollidierten die Meinungsfreiheit der NTW-Journalisten und die Eigentumsrechte Gussinskijs.

Mit den finanziell unabhängigen Auslandskorrespondenten geht man anders um. Man wirbt um sie, man versucht sie einzuschüchtern. Auch hier ist der reaktivierte Rechtsstaat ein nützliches Instrument. Korrespondenten-Artikel werden übersetzt, ins Internet gestellt und diskutiert. Mehrere Korrespondenten werden mit Klagen Überzogen. Zitierte russische Bürger fühlen sich falsch übersetzt, andere schlecht wiedergegeben – also ziehen sie vor ein russisches Gericht. Der Korrespondent muss sich verteidigen, das kostet Zeit und je nach Richter hohe Schadenersatzsummen.

Eine andere Methode ist die öffentliche Bloßstellung. Die von Gleb Pawlovskij geschaffene Internetseite Strana.ru hat da zentrale Bedeutung. Der erste Auslandsredakteur war Sergej Markov. Er leitet jetzt die Seite. Markov brachte einen neuen Stil mit, der leider ziemlich alt wirkt. Kritische Artikel von „Le Monde“, der „Washington Post“ und der „ZEIT“ wurden im Stil der „Izvestia“ von 1965 diskutiert. Markov versuchte eine Krise der westlichen Medien zu beweisen. Er warf ihnen Mythenverbreitung vor. Die „ZEIT“ schriebe ihre Artikel auf Bestellung von Boris Beresovskij. Das ist Einschüchterung auf moderne Art, per Internet. Und das sind nur einige Beispiele.

Gleichzeitig Charmeoffensive, Einladungen. Neuerdings gibt Putin bereitwillig viele Interviews. Seine Minister, von Jastrschembskij instruiert, stehen ebenfalls bereit. Man will weg vom monolithischen System. Modern soll es aussehen. Auch das ist Vereinahmung.

Und wie steht´s mit den Oppositionsmedien? Na, ja. Was sie sagen und schreiben tut nicht mehr wirklich weh. Sie können die Macht nicht mehr gefährden. Oppositionelle schreiben für Oppositionelle, bewegen sich im Kreis, während der Staat und die Großkonzerne allein voran marschieren.

"Kranke Kinder"

Diese Bezeichnung für die ehemaligen DDR-Zeitungen stammt von Galina Voronenkova, die das letzte „Stadium der Krankheit, die 1949 aus der UdSSR in die DDR importiert wurde“ miterlebt hat.

Ihren heftigsten Ausbruch erlebte diese „ideologische Lepra“, als die Ost-Mark im Kurs von 1 : 1 in West-Mark umgetauscht wurden. Die Mehrzahl der „Ossis“ (wie sie von den Westdeutschen genannt werden) rannte Hals über Kopf los, um Gebrauchtwagen und Westklamotten zu kaufen. Sie ahnten nicht, dass sie dieses Geld auf andere Weise hätten verwenden können – z.B. bei der Privatisierung. Bei ernsthaftem Interesse (und entsprechender Eignung) hätten die Mitarbeiter jeder beliebigen Ostzeitung ihre Zeitung übernehmen können. Ob sie den folgenden Konkurrenzkampf überlebt hätten, ist eine andere Frage.

Aber wir wollen nicht vergessen, was wir mit unseren „Vouchers“ gemacht haben. Zugegeben, es ist peinlich: Die dreifache Nennung des Buchstaben M löst seitdem bei den „kranken Kindern“ Hassgefühle aus, andere wissen schon gar nicht mehr, wie viel das Glas Vodka kostete, gegen das sie ihre Anteilsscheine eingetauscht haben und die übrigen warten noch heute auf die illusorische Dividende ihrer „Aktien“.

Immerhin blieb dies nicht ohne Folgen: das Vertrauen der Bürger in die Massenmedien schwand. Andere Gründe für diesen Vertrauensverlust sind, so der Philosoph V. Voroshzov, die Glorifizierung von Verbrechen und Gewalt in den Medien. Vielleicht ist diese auf uns einstürzende Überdosis Wahrheit (nicht zuletzt auch über das wirkliche Ausmaß an Kriminalität in unserem Land) zuviel für unsere zarte, ex-sovjetische Konstitution. Wird unser Immunsystem mit dieser „Injektion“ fertig?

Trotzdem: die Kränksten von allen „kranken Kindern“ sind die vielen bettelarmen, von den lokalen Behörden gegängelten Lokalzeitungen.

Die sogenannten „Rajonki“ befinden sich in einer historisch bedingten Klemme, denn sie sind dauerhaft mit dem (immer noch sowjetischen) Verwaltungssystem verbunden. Damit ist die Mehrheit von ihnen das rudimentäre Anhängsel eines verwesenden Organismus, den man auch „Partei-PR“ nennt.

Und das Erstaunliche ist: Niemand kam bisher auf die einfachste Lösung – die Lokalzeitungen zu übernehmen und zu vergrößern. Dann müssten die Lokalzeitungen nicht aufgelöst werden, man würde sie einfach in Lokalredaktionen der Regionalzeitungen umwandeln.

Das Wesen von russuscher Presse - Grafik von Andrej Kobiakow.

Aber was soll man von diesen Quasi-Zeitungen halten, die im 21.Jahrhundert noch immer keine Online-Ausgabe im Internet anbieten? Und von Journalisten, die ihre Stilblüten immer noch mit dem Kugelschreiber schreiben und Computer meiden wie die Pest?

Ich ahne schon die folgende Frage: „Warum arbeitest du eigentlich bei dieser (offiziellen) Zeitung?“ Diese Frage muss ich immer häufiger beantworten ... und das freut mich.

Erstens, weil die Menschen endlich angefangen haben „durchzublicken“, zweitens, weil es mir erlaubt, von Positivem zu sprechen. Denn bei aller Antiquiertheit haben die offiziellen Zeitungen wenigstens eines vermieden: Den Wandel zur Boulevardpresse.

Ihnen verdanken wir noch seriöse Artikel und gut recherchierte Fotoreportagen aus dem normalen Leben. Und schließlich die Möglichkeit, einen Brief an die Redaktion zu schreiben und ihn auch abgedruckt zu sehen (auch wenn er nicht kompromittierende Photos irgendeines Staatsanwalts mit einer stadtbekannten Hure enthält). Manchmal ist weniger mehr!

Was wir von den Deutschen lernen können.

…Spricht etwas dagegen? Viele Jahrhunderte haben wir von ihnen gelernt und niemand nahm daran Anstoß. Warum z.B. wurde im postsovjetischen Russland kein ernsthafter Versuch unternommen, ein öffentlich-rechtliches Fernsehen zu gründen? Wie gut hätten wir auf die flimmernden Fernsehbilder mit „aktuellen“ Nachrichtentickern oder primitiver Werbung verzichten können.

Was hält uns davon ab, ein „Ehrengericht“ zu schaffen, das verantwortungslosen oder korrupten Journalisten die Leviten liest? Warum setzen wir der Putin´schen „Zentralisierung der Meinung“ nicht die gesammelte Kraft des Russischen Journalistenbundes entgegen? Gemeinsam könnten wir dieser Organisation neues Leben einhauchen.

Der politische Einfluss unserer Regionalpresse sollte wenigstens teilweise dem der BRD-Regionalpresse entsprechen – dieses Ziel ist erreichbar!

Ein Staat, der 99% der lokalen Massenmedien kontrolliert, kann seinem „Harem“ natürlich kein angemessenes Leben bieten. Aber auch auf dem Russischen Zeitungsmarkt gilt immer öfter das amerikanische Prinzip: „2/3 des Budgets aus der Werbung, 1/3 der Druckfläche für die Werbung“. Die Unrentabilität der russischen Presse ist ein Mythos, der von Faulpelzen, Versagern und... Gaunern genährt wird.

Die Idee eines unabhängigen, alternativen Pressevertriebs (ein Schlag gegen das Monopol des Post- und Fernmeldeministerium!) gehört jedenfalls nicht in das Reich der Phantasie.

Was stört denn?

Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Wenn Putin einen Schritt zurück macht, aber beabsichtigt, danach vorwärts zu marschieren, dann sind die Journalisten das Haupthindernis. Die „parteiwirtschaftliche“ Leitung der Zeitungsverlagen soll durch moderne Managementmethoden ersetzt werden, die auf Standardisierung und fachliche Qualifizierung setzen. Die Befreiung vom „Agitprop“ ist die wichtigste Voraussetzung, um Presse und Funk in moderne Massenmedien zu verwandeln.

Außerdem wäre es vernünftiger, das bisherige journalistische Ausbildungssystem (das nur Quasi-Journalisten hervorbrachte) durch Journalistenkurse und Praktika zu ersetzen. So läuft es auch in Deutschland: Nach einem normalen Hochschulstudium erhalten die Journalistenschüler ihr Fachwissen durch Spezialkurse.

Das heißt, es geht um die Förderung von angeborenen Fähigkeiten und die Aneignung von fundamentalen Kenntnissen über Medien. Vorraussetzung ist, dass die Lehrkräfte nicht nur über praktische Erfahrung in Medienberufen verfügen, sondern auch mit Begriffen wie „virtuelle Interaktion“, „technologische Konvergenz“ und „Fragmentierung der Zielmärkte“ umgehen können.

Doch wenn die gegenwärtige Regierung weiter beabsichtigt, „epochale“ Massenmedien zu schaffen, dann ist sie das größte Hindernis auf dem Weg zu kompetenten, demokratischen Medien.

Jedenfalls [Doch] sollten wir uns auf das ...Beste vorbereiten. Die soziale Evolution fordert sowieso ihren Tribut. Und sogar unter den heutigen Bedingungen haben Journalismus-Aspiranten noch Wahlmöglichkeiten. Dem einen steht der Sinn nach Sensationshascherei und stilistischer „Aufbereitung“ von Tatsachen. Die anderen neigen eher zu objektiver, gründlicher Überprüfung der Fakten.
Jeder wird gebraucht!

Man hat die freie Wahl. Und damit die Hoffnung. Wenigstens darauf, dass in den staatlichen Ausbildungsstandart Nr. 021400 zu den fünf vorhandenen Eignungskriterien noch mindestens zwei weitere aufgenommen werden: Die Fähigkeit, Aug´ in Auge den Dialog mit der Macht zu führen und die Fähigkeit zur beruflichen und staatsbürgerlichen Selbstvervollkommnung.

Nachwort

Ein junger Symposiumsteilnehmer bekannte in aller Öffentlichkeit, dass er Journalismus nur wissenschaftlich betreiben würde, da ihn die praktische Seite dieses Berufes enttäuscht hätte. Dem Alter nach scheint dieser „journalistische Playboy“ schon nach relativ kurzer Zeit ernüchtert worden zu sein.

Der russische Journalismus hat es nicht leicht. Aber es könnte noch schlimmer kommen. Nämlich dann, wenn an unsere Stelle Quasi-Journalisten treten, ausgebildet von unfähigen Journalistikprofessoren, denselben ernüchterten Faulpelzen, die irgendwann in einer geliebten Frau nur noch das müde Gesicht, die Küchenschürze und Pantoffeln sehen...