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Journalismus

BEITRÄGE
Einige Beiträge von deutschen, russischen, amerikanischen usw. MedienrepräsentantInnen, ForscherInnen über Journalistik, Massenmedien, Pressefreiheit und Journalismus überhaupt.
Quelle: Inter-Nationes

Journalismus im Wandel

Von Stefan Kornelius

Man wird die Abscheu in den Augen von Wolfgang Schäuble nicht vergessen als er zur Vorstandssitzung vorfuhr - eine seiner letzten als Parteivorsitzender der CDU. In der Seitenstraße im Berliner Regierungsviertel war bereits der Verkehr zusammengebrochen. Die Übertragungswagen der Fernsehanstalten hatten lediglich eine schmale Gasse gelassen. Die Schaltung versprach zwar nicht mehr Informationen, aber immerhin den Blick auf das inzwischen so gewohnt schmerzverzerrte Gesicht des Mannes. Diese Seelenpein, dieser Ausdruck tiefster Verzweiflung, mitten in der größten Krise der Partei. Wieder einmal musste sich Schäuble den Weg bahnen zwischen all den Stangen, Mikrofonen, Kabeln und Kameras hindurch. "Die letzten Menschen" seien hier versammelt, ließ Schäuble die gleiche Menge wenige Tage zuvor wissen, der Abschaum gewissermaßen.

Journalismus in Berlin, Berichterstattung aus der neün Hauptstadt: Die Vokabeln sind hart geworden, die Missachtung wächst. Journalisten und Politiker finden ein neues Verhältnis zueinander. Helmut Schmidts (ehemaliger Bundeskanzler der Bundesrepublik) Wort von den Wegelagerern klingt fast schon liebenswert, gemessen an den rhetorischen Ausschlägen eines Wolfgang Schäuble etwa. Für Schäuble haben sich diese Szenen in den letzten Monaten seiner Amtszeit als CDU-Vorsitzender wiederholt. Als die Enthüllungen um die illegalen CDU-Spendengelder noch frisch waren, teilte er den Reportern zu Beginn einer Pressekonferenz mit, dass er heute nicht so viel reden werde, weil es ihm nicht gut gehe. Da rückten die Kameras noch näher an sein Gesicht heran, fokussierten die Linsen unablässig in Erwartung einer Ohnmacht. Wenige Stunden später - diesmal ohne Zeugen - wurde Schäuble mit einer Nierenkolik in ein Krankenhaus gebracht. "Das werde ich Ihnen nicht vergessen", ließ er später geradezu mit Hass in der Stimme wissen.

Schäuble musste wie kein anderer Politiker am eigenen Leib erfahren, was inzwischen fast schon wissenschaftlich als "die neuen Gesetze des Berliner Marktes" bezeichnet wird. Tatsächlich hat sich die politische Berichterstattung am neuen Regierungssitz drastisch gewandelt. Die über Jahre gewachsenen Regeln des Bonner Pressebetriebs gelten nicht mehr. Die Erstarrung bricht auf, die westdeutsche Gewohnheits-Idylle ist quasi über Nacht mit dem Umzug von Parlament und Regierung verloren gegangen.

Innere undäußere Zwänge haben den Wandel beschleunigt. In Berlin hat sich die Zahl der Korrespondenten vervielfacht. Viele Zeitungsredaktionen vergrößerten mit dem Umzug ihre Büros. Die überregionalen Blätter Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und Süddeutsche Zeitung (SZ) sind mit einem eigenen Lokalteil in der Hauptstadt präsent. Die Wirtschaftspresse in Deutschland erlebt allemal einen Boom und stößt mit Macht auf die politischen Themen nieder. Die Fernsehanstalten richteten pompöse Studios ein, denn Berlin ist anders als Bonn auch Zentrum der Selbstdarstellung und Repräsentation. Derart heftig ist inzwischen der Konkurrenzkampf um Bilder, dass die Anstalten zwei oder drei Kamerateams auf wichtige Termine schicken, damit wenigstens eine Mannschaft mit ordentlichen Bildern zurückkommt - eine Art Rüstungsspirale der elektronischen Medien hat eingesetzt.

Zwei Fernsehstationen in Deutschland bieten inzwischen 24 Stunden lang Nachrichten an und kämpfen erbittert um Marktanteile. Im Kontinental-Staat USA halten sich gerade mal drei Nachrichtensender mit Müh und Not am Leben. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben Phönix auf Sendung geschickt - einen politischen Ereignissender, der ausschließlich Debatten aus dem Bundestag, Anhörungen, Pressekonferenzen oder politische Diskussionen überträgt. Phönix beeinflusst die politische Berichterstattung massiv, weil es mit der Präsenz des Senders bei wichtigen politischen Ereignissen für Zeitungskorrespondenten eben nicht mehr reicht, am nächsten Morgen den Inhalt einer bereits gesendeten Pressekonferenz widerzugeben.

Großen Anteil am Umbruch im politischen und journalistischen Geschäft haben die Lokalzeitungen der Stadt. Tagesspiegel und Berliner Zeitung verknüpften mit dem Einzug der Politik ihre Hoffnung auf den Ritterschlag im deutschen Zeitungsgeschäft: Sie wollen überregional anerkannt werden. Aber: Ihre Auflage bleibt gering, verbissen ringen sie um das lesefaule Hauptstadtpublikum. In ihrem Straßenkampf um Verbreitung und Wahrnehmung leisten sie sich groteske Verrenkungen: Der Kampf um Exklusivität und den damit verbundenen Imagegewinn führt zu nicht wenigen Falschmeldungen. Allerdings können die Zeitungen einen Erfolg bereits verbuchen: Obwohl bislang die überregionalen Leser ausblieben, so wurden beide Blätter praktisch unmittelbar nach dem Umzug zur Pflichtlektüre der Politiker und des politischen Personals. Damit verdrängen sie die in Bonn stark präsenten Regionalzeitungen aus Westdeutschland, wie die Stuttgarter Zeitung, den Bonner Generalanzeiger und den Kölner Stadtanzeiger.

Private Fernsehanstalten und Zeitungen haben auch den Unterhaltungswert von Politik entdeckt. Minister, Botschafter und natürlich der Kanzler - plötzlich sind sie prominent, wo sie doch in Bonn gerade noch als provinziell beschimpft wurden. Bundeskanzler Gerhard Schröder wird mehr oder weniger regelmäßig in einem Boulevard-Blatt mit einer Klatschspalte bedacht. Plötzlich ist wichtig, wo ein Minister zu Abend speist, und ob die Gattin eines Botschafters ein möglicherweise zu tief ausgeschnittenes Dekollete trägt.

Auf der Seite der Medien kommen zwei Krankheiten dazu: die Exklusiveritis und die Lust am Krakeelen. In Radio, Fernsehen und Printmedien gilt heute eine Meldung, die kein anderer hat, in aller Regel mehr als ein abwägendes, erklärendes Stück. Weil die Zahl der Exklusivgeschichten selbst in einem perforierten Apparat wie der Regierung Schröder begrenzt ist, führt dies zu einer besonderen Art der journalistischen Kreativität.

In diesem Prozess sind nun keineswegs die Journalisten allein die Bösewichter. Die Medien werden von den Politikern häufiger als früher instrumentalisiert, und in ihrem zur Fresssucht eskalierten Hunger nach Zitaten nehmen sie es wollüstig hin. In Berlin geht das besonders gut, denn hier sind eine große Zahl miteinander konkurrierender örtlicher Zeitungen und Sender unversehens Hauptstadtmedien geworden. Die Gewohnheit, über halbvertrauliche Auskünfte den internen Kampf lauter und wirkungsmächtiger via Medien in der öffentlichkeit zu führen, ist außerdem eines der herausragenden Charaktermerkmale der rot-grünen Koalition.

All dies hat nur unmittelbar mit der Stadt Berlin zu tun. Zwar liefert die Metropole die bessere Kulisse für den großen Auftritt der Politik. Mit der Explosion in der Berichterstattung reagiert die politische Szene in Deutschland aber auch auf einen Trend, der weltweit und vor allem in den angelsächsischen Ländern schon seit Jahren zu beobachten ist. Politik und Unterhaltung vermischen sich, die Berichterstattung wird neuen Gesetzen unterworfen, und die Politik erkennt den Wert der schnellen, also oberflächlichen Berichterstattung.

Dennoch: Die meisten Politiker haben noch nicht verstanden, wie sie die neue Medienvielfalt, den Wunsch nach Personalisierung und die Kurzatmigkeit auch der Berliner Medienlandschaft nutzen sollen. Und noch weniger wissen, dass sie künftig nicht mehr wahrgenommen werden, weil die Regeln des neuen Marktes kaum Platz lassen für Details und Vielfalt. Die CDU-Krise bot einen Vorgeschmack auf ein Medienzeitalter, in dem über lange Zeit nur ein politisches Thema in bisher ungeahnter Intensität gewälzt wurde.

Nüchterne Beobachter wollen bereits eine Atomisierung der Informationen festgestellt haben, will heißen: In allen möglichen Winkeln der Stadt werden Informationsschnipsel angeboten, die wahre Substanz aber geht dabei verloren. Deshalb verliert sich die Berichterstattung an der Oberfläche, wird flacher, substanzloser. Die Halbwertszeit von Information nimmt ab.

Wieder sind es die Politiker in den USA und Großbritannien, die den Umgang mit dieser Form politischer Massenkommunikation vorexerzieren. Anders als in Berlin, wird in Washington eben inszeniert und gesteuert. Schäuble musste sich den Weg durch eine wilde Meute bahnen und wirkte dabei hilflos und bedrängt. Ein Fraktionsvorsitzender der SPD steht vor einem Wall von Mikrofonen und bietet als Kulisse nichts als eine Glastür und ein paar neugierige Saaldiener. Ein Minister schafft es nicht, seinen Gesetzesentwurf per Vorgespräche in vertraulicher Runde und über die Leitmedien unters Volk zu bringen.

Der Bruch in der politischen Berichterstattung in Deutschland wurde durch den Umzug von Bonn nach Berlin nicht ausgelöst, aber beschleunigt. Das Feld war schon bestellt für die neue Form. Deutlich spürbar für die Korrespondenten vor allem am Konkurrenzdruck: Die alte Bonner Kollegialität ist dahin, langsam weicht das vom CDU-Politiker Heiner Geißler formulierte "Krähengesetz" auf ("eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus").

Gleichwohl wird Berlin noch lange die Intensität einer Medienkapitale wie London fehlen, wo sich die Positionierung auf dem nationalen Markt in der Hauptstadt entscheidet. Nach wie vor ist der Zeitungsmarkt in Deutschland föderal geprägt, nach wie vor rekrutieren sich die Leser über den Lokalteil und die regionale Prägung einer Zeitung.

Nun heißt es zwar, der politische Journalismus habe im Spendenskandal der CDU und in der Affäre um Helmut Kohl eine Renaissance erlebt. Vordergründig mag das stimmen - selten zuvor bediente sich die Branche derart kräftig der Werkzeuge des investigativen Journalismus, und selten zuvor trieb die Medienhysterie auch die politische Aufklärung voran. Gleichwohl wird sich bei nüchterner Betrachtung nicht verbergen lassen, dass die CDU selbst die Hauptarbeit in der Aufklärung leistete, und dass die wirklichen journalistischen Scoops nur wenigen Reportern gelangen, die häufig genug noch nicht mal in der Hauptstadt arbeiteten.

Neue Köpfe, neue Konkurrenz, ein frischer Blick auf die Politik - der Umzug nach Berlin wirbelt den politischen Journalismus gehörig durcheinander. Die Branche hat das Thema längst erkannt und spricht offen über Vorteile und Gefahren. Aber Appelle an die Selbstdisziplin oder die Berufsehre nutzen wenig - diesmal wird der Markt die Szene ordnen.