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Journalismus

BEITRÄGE
Einige Beiträge von deutschen, russischen, amerikanischen usw. MedienrepräsentantInnen, ForscherInnen über Journalistik, Massenmedien, Pressefreiheit und Journalismus überhaupt.
2000 - Professor Dr. Stephan Russ-Mohl

Kann und soll Journalismus gesellschaftliche Probleme lösen?

Public Journalism, öffentlicher Diskurs und Medienmacht in den USA

Auch in der "neuen Welt", sprich in den USA, gibt es so etwas wie eine "alte" und eine postmodeme Welt des Journalismus. Die alte Welt war heil, die Rollen waren klar verteilt. Es wurde strikt zwischen Nachricht und Meinung getrennt, aber auch zwischen Joumalismus, PR und Werbung. In den amerikanischen Redaktionen existierte eine eingespielte Arbeitsteilung zwischen den reporters, die ausschwarmten, um Nachrichten zu beschaffen und an den Geschehensorten dabei zu sein, und den desk editors, die als Vorgesetzte in der Redaktion verblieben, Artikel redigierten, Mitabeiter koordinierten und die Seiten und Sendungen zusammenbauten.

Die postmoderne Welt ist die des corporate journalism - eines hochgradig kommerzialisierten Joumalismus, der unter dem Dach großer, borsennotierter Medienkonzerne stattfindet. Deren Manager haben primar eines im Kopf: den shareholder value zu mehren. "Money Lust - How Pressure for Profit is Perverting Journalism" lautete deshalb kurzlich die Titelgeschichte des renommierten Columbia Journalism Review: "Geldgier. Wie der Druck, Profit zu erzielen, den Journalismus pervertiert".

In dieser neuen Medienwelt scheint vieles heillos durcheinander zu geraten, auch wenn sie keineswegs ungeordnet ist Paul Feyerabends geflugeltes Wort vom "Anything goes" konnte zum Leitmotto der Medienkultur des 21. Jahrhunderts werden - mit einer gravierenden Einschrankung allerdings: Alles geht, solange es profitabel ist. Jedenfalls verschwimmen die klassischen Trennlinien immer mehr. Das Prinzip der Trennung von Nachricht und Meinung wird schon deshalb aufgeweicht, weil auch die seriosen Printmedien, wenn sie im Kampf mit dem schnelleren Fernsehen überleben wollen, statt blosser Fakten Hintergrunde liefern mussen. In die Hintergrundberichterstattung fliessen aber unvermeidlich mehr Wertungen ein als beim blossen Zusammenfassen der allerletzten Neuigkeiten. Für die weniger seriosen Medien ist es von vornherein eintraglicher, einen Teil der redaktionellen Leistung einzusparen. Stattdessen veröffentlichen sie, oftmals nur fluchtig redigiert, PR-Material als Nachrichten, das auf elektronischem Weg - bildlich gesprochen - tagtaglich schubkarrenweise und obendrein gratis angeliefert wird.

Infolge des lean management schrumpfen nicht nur die Redaktionen, es werden auch neue Formen der Arbeitsteilung ausprobiert. Klassische Ressortgrenzen fallen, Reporter und Redakteure finden sich zu Teams zusammengespannt, in denen jeder je nach Arbeitsanfall alles mögliche macht. Solche Flexibilisierung geht oftmals auf Kosten der Berichterstattungs-Kompetenz.

Aber die Wand zwischen der Redaktion und der Anzeigenabteilung in den Medienunternehmen wird eingerissen: Geschicktes product placement fuhrt dazu, dass immer haufiger Werbebotschaften nicht nur huckepack zusammen mit den Nachrichten, sondern auch als deren genuiner Bestandteil verkauft werden, Bei der hochangesehenen Los Angeles Times wurden kurzlich sogar die einzelnen Ressorts der Redaktion mit dem jeweiligen Anzeigenverkauf organisatorisch verkoppelt. Nahezu unsichtbar ist somit oftmals die einstige Demarkationslinie zwischen Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit geworden - sei es, weil die PR-Leute immer professioneller werden und sich so besser auf die Nachfrage von seiten der Journalisten einstellen; sei es, weil die Redaktionen ihre freien Mitarbeiter noch immer so miserabel honorieren, dass diese auf ein Zubrot aus PR-Auftragen dringend angewiesen sind, wenn sie überleben wollen. Auch auf diesem Umweg vermischen sich Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit zusehends.

Vor dem Hintergrund fortschreitender Kommerzialisierung - und auch ein Stuck weit als Gegenbewegung hierzu - ist zu bewerten, wenn in Amerika in den letzten Jahren eine weitere, einstmals sakrosankte Bastion des Journalismus ins Wanken geraten ist: In der anspruchsvollen Publizistik waren die Journalisten auf die Rolle des Beobachters festgelegt Sie sollten "Merker" sein, die den "Machern" auf die Finger sehen, aber nicht selbst als politische Akteure in Erscheinung treten. Wahrend die erstklassigen journalistischen Ausbildungsstatten auf diese Weise weiterhin ihren Zoglingen missionarische Attituden frühzeitig auszutreiben suchen, wird in der Fachszene seit geraumer Zeit verstarkt in Frage gestellt, ob sich Journalisten strikt auf die Rolle des Beobachters festlegen und die Lösung gesellschaftlicher Probleme den Politikern und Wirtschaftsfuhrern allein überlassen sollten.

Die - Synonymen - Stichworte lauten: Public journalism oder civic journalism. Für europaische Ohren mag beides ungewohnlich klingen, weil Joumalismus doch per definitionem eine öffentliche und zivilgesellschaftliche Angelegenheit ist. Wozu also die Betonung von public und civic?

Weil das Mediensystem der USA starker und seit langerem kommerzialisiert ist als in Europa, sehen die Protagonisten des public journalism die öffentlichen Funktionen des Joumalismus bedroht. Jay Rosen von der New York University, der als der intellektuelle Kopf der Bewegung gilt, beschreibt die neue Aufgabe des Joumalismus so: "Public journalism ruft die Presse dazu auf, das öffentliche Leben zu revitalisieren und den öffentlichen Dialog zu verstarken. "Der primare Anspruch ist, dass die Medien mehr tun konnen, um die Leute als Staatsburger zu aktivieren, die öffentliche Diskussion voranzutreiben und der Gemeinschaft dabei zu helfen, ihre Probleme zu lösen."

Diejenigen, die diese Form von Journalismus propagieren, haben in den USA viel Resonanz, aber vielleicht noch mehr Kontroversen ausgelöst. "Ein heiliger Krieg sei im Gange, und das Feuerwerk ist unwiderstehlich" - schrieb Carl Sessions Stepp, Joumalismus-Professor an der University of Maryland, im American Journalism Review. "Aber public journalism ist ein ernstzunehmender, zeitgerechter Ansatz voller guter Intentionen, um den Journalismus und die Demokratie zu verjungen."

Momentum hat die Bewegung bekommen, als vor ein paar Jahren der inzwischen verstorbene Vorstandschef des zweitgrossten US-Zeitungskonzerns Knight-Ridder, James Batten, und außerdem der Pew Charitable Trust, die drittgrößte private Stiftung der USA, sich das Anliegen zu eigen machten. Vor allem Pew hat in den letzten Jahren Millionenbetrage in einschlagige Projekte gesteckt und so entscheidend dazu beigetragen, dass überall in Amerika Zeitungen und Rundfunkstationen begonnen haben, den öffentlichen Diskurs anzuregen und ihre Publika dazu zu bewegen, sich politisch zu engagieren und um die Lösung gesellschaftlicher Probleme zu kummern. "Das heißt nicht, dass die Journalisten versuchen sollten, die Ergebnisse eines solchen Prozesses zu bestimmen," - warnt Davis Buzz Merritt, als Buchautor und langjähriger Chefredakteur der Regionalzeitung Wichita Eagle eine treibende Kraft der Bewegung.

Journalisten und Medienunternehmen sollten lediglich die öffentliche Diskussion moderieren und die Publika aus ihrer Lethargie herausreissen. Wirkungsmachtig sind die Medien, die so etwas versuchen, allemal. In Charlotte, North Carolina hat die Berichterstattung der Regionalzeitung beispielsweise dazu geführt, dass sich spontan 500 Freiwillige gemeldet haben, um in den besonders von Kriminalitat heimgesuchten Nachbarschaften auszuhelfen. In Tallahassee in Florida hat das Lokalblatt ein elektronisches Townhall-Meeting zustande gebracht 300 Bürger haben sich vor ihren Computer gesetzt, um sich zwei Stunden lang über das ortliche Freenet miteinander über die Note ihrer Gemeinde auszutauschen, berichteten Ed Fouhy und Jan Schaffer vom Pew Center for Civic Joumalism in Washington. In Idaho haben sich gleich vier Zeitungen und zwei Femsehsender zusammengetan, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Staat immer mehr Geld in Gefängnisse und immer weniger in die Bildung steckte, Angeblich ist es den Medien gelungen, diese Entwicklung zumindest abzubremsen.

Welch schwierige Gratwanderung public journalism indes ist, wird schon daran erkennbar, dass inzwischen noch ein anderes Schlagwort durch die amerikanischen Fachgazetten geistert solutions journaIism. Statt nur den öffentlichen Dialog anzuregen, sollen Joumalisten und Medienuntemehmen gleich selbst gesellschaftliche Probleme lösen helfen, Auch dieser - auf den ersten Blick eher absurde - Anspruch, war dem Columbia Journalism Review jungst eine ausfuhrliche, auf der Titelseite avisierte Story wert. Das Blatt berichtet von der "neuen journalistischen Jagd" nach Patentrezepten, die von allen möglichen Medien betrieben werde; und nennt Beispiele: Das Nachrichtenmagazin U.S. News & World Report habe zum Jahresende 1997 zum zweiten Mal eine lange Liste "vermeintlicher Lösungen" ganzlich unterschiedlicher Problemen vorgelegt Um die Beseitigung von Landminen sei es dabei ebenso gegangen wie um "Dickleibigkeit oder College-Athleten, die sich daneben benehmen".

Die Los Angeles Times habe eine Serie über die weitgehend unkontrollierte Verbreitung von Schusswaffen in den USA veröffentlicht, die mit einem Beitrag über ein Waffenruckkauf-Programm in Australien endete, durch das 500 000 halbautomatische Schusswaffen aus dem Verkehr gezogen wurden Das Magazin The Nation habe eine Serie" What works" eingerichtet, und bei der San Diego Umon-Tribune, eine Tageszeitung mit immerhin 376 000 Exemplaren Auflage, gibt es einen eigenen Redakteur, der in etwa zweiwochigem Abstand seine Lösungen gesellschaftlicher Probleme anbietet und seine Aufgabe darin sieht, "Hilfe und Hoffnung zu geben".

Die Kritiker empfinden das schlichtweg als anmaßend und warnen davor, dass ein Journalismus, der sich in die Politik involviert, nicht mehr die notige Distanz habe, um seiner gesellschaftlichen Kritik- und Kontrollfunktion gerecht zu werden, Anders als gewahlte Politiker, seien Journalisten nicht demokratisch legitimiert. Ausserdem weist der Medienkritiker der Washington Post, Howard Kurtz, daraufhin, dass Journalisten seit eh und je darüber berichten, wie sich Probleme lösen lassen - "lange bevor irgendein Genius daherkam und die Formel vom solutions journalism erfand." Früher als andere hat Max Frankel, der vormalige Chefredakteur der New York Times, auf die heiklen Seiten des public journalism verwiesen: Fix it-journalism hat er das ein wenig verachtlich in seiner medienkritischen Kolumne genannt und damit sogleich die Grenze zum solutions journalism verwischt. Er warnte davor, Journalismus als "Suche nach einem besseren morgen" neu erfinden zu wollen: "Reporter, Redakteure und Herausgeber haben vollauf damit zu tun, zu lernen, korrekt zu berichterstatten. Sie sollten Reformen den Reformen überlassen."

Erste Nachahmer gibt es gleichwohl auch bereits in Europa: Die "Reformwerkstatt" der deutschen Wochenzeitung Die Zeit etwa lasst sich als ein solutions journalism-Projekt begreifen, Womöglich ist es ja sogar umgekehrt, und in den amerikanischen Medien gewinnt etwas an Bedeutung, was in Europa lange selbstverstandlich war und infolge einer fortschreitenden Amerikanisierung des Joumalismus zeitweise eher verdrangt wurde: dass sich die Medien eben nicht nur als Buhnen für den öffentlichen Diskurs begreifen, sondem diesen Diskurs auch beeinflussen. Wie hiess es doch bereits bei Emil Dovifat, einem der Ziehvater der deutschen Publizistikwissenschaft: "Der Publizist strebt in die Öffentlichkeit, weil er ihr etwas zu sagen hat, weil er sich berufen fuhlt, etwas Neues zu bringen, etwas Altes matt zu setzen, Vergangliches umzusturzen, kurzum: die Dinge zu andern." So besehen, lasst sich das Ringen um Problemlösungen eher als weiteren Schritt zur "Europaisierung" amerikanischer Medien werten.

Beim zweiten Hinsehen ist der Anspruch des public journalism aus einem ganz anderen Grund keineswegs abwegig. Um Probleme zu lösen, bedarf es in unseren hochentwickelten Gesellschaften politischer Macht Wahrend kaum noch ein Sozialforscher bestreitet, dass die Machtbasis traditioneller Institutionen wie der Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Verbande erodiert, wird bisher in der Öffentlichen Diskussion kaum die Frage gestellt, wohin die Macht eigentlich abwandert. Ist sie diffus geworden, gar in volliger Auflösung begriffen? Oder konnte es sein, dass der kalifornische Medienkritiker Ben Bagdikian doch nicht so ganzlich unrecht hat, wenn er schon seit Jahren davor warnt, dass sich immer mehr Macht bei einer Handvoll weltumspannender Medienkonzerne konzentriert?

Eine beunruhigende Vision: Womöglich werden wir im 21. Jahrhundert geradezu darauf angewiesen sein, dass Kommunikations- und Unternehmensgiganten wie Time Wamer, Bertelsmann und Rupert Murdochs News Inc. die sich aufturmenden gesellschaftlichen Probleme lösen oder zumindest entscharfen. Als Vorboten dieser neuen Welt, in der Medienkonzeme nicht nur solutions journalism betreiben, sondern gleich selbst die Problemlösung "in die Hand nehmen" liessen sich in Europa ebenso die vielkritisierten politischen Aktivitaten eines Silvio Berlusconi wie die hochgelobten, von Reinhard Mohn initiierten Gutersloher Reformprojekte der Bertelsmann Stiftung begreifen.

Was unterscheidet den demokratischen public journalism vom sanft-autokratischen und deshalb gefahrlichen solutions journalism? In einem Fall besteht die Medienwirkung darin, den "herrschaftsfreien Diskurs aller" wenigstens an den grassroots, also auf lokaler Ebene anzustosseiL Im anderen Fall konnte dagegen eine Vielzahl möglicher Problemlösungen zugunsten der von Joumalisten bzw- Medienuntemehmen favorisierten Altemative aus dem öffentlichen Diskurs ausgeblendet werden.

Sollte allerdings ein anderer Prophet des 21. Jahrhunderts, Aldous Huxley, recht behalten, dann sind von allen Mediengiganten eher Ablenkung als Problemlinderung oder gar -lösung zu erwarten: Sie sorgen weltumspannend für Entertainment, also für jene Zirkusspiele, mit denen schon die Eliten im alten Rom die Bevolkerung einzulullen und sich zugleich deren Loyalitat zu sichern suchten. Dafür stunde dann prototypisch die Walt Disney Co. - aber eben durchaus auch Bertelsmann und Berlusconi.