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BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind

6/02/2008 - Münchner Merkur

Von außen betrachtet

Geliebter Feind

Zu Beziehungen zwischen Deutschen und Russen

Es geschah vor vier Jahren am Ufer der Wolga, unweit der Stadt Kasan. Dort bin ich aufgewachsen, dort habe ich gelernt und gearbeitet, bevor das Angebot kam, für die russische Online-Redaktion der "Deutschen Welle" in Bonn zu arbeiten. Am Wolga-Ufer wurde eine Gruppe von Journalisten zu einem Treffen mit Schülern eingeladen, die in einem Sommerlager Erholung und Sport im Grünen genossen. Wir Erwachsenen redeten mit den Kindern über unseren Beruf, die journalistische Ausbildung, dienstliche Auslandsreisen – solche Treffen werden in Russland ziemlich oft organisiert.

Nachdem ich kurz über meine Deutschland-Besuche berichtet hatte, fragte mich ein ganz kleiner Bub, ob ich eine Fremdsprache beherrsche. "Sagen Sie bitte etwas auf Deutsch", bat mich der Kleine. "Hände hoch!", antwortete ich im Scherz. Ich war überzeugt, dass seit dem Zweiten Weltkrieg jeder russische Bub diese deutschen Worte kennt. Krieg zu spielen war in meiner Kindheit eine Lieblingsbeschäftigung. Und natürlich mit deutschen Worten wie "Hände hoch!", "Halt!" und "Feuer!" Doch dieser Bub wusste mit dem Scherz nichts anzufangen: "Was bedeutet denn das?", fragte er mich. In diesem Moment begriff ich: Für die jungen Russen existiert jener Krieg nicht mehr.

Diese Geschichte fiel mir sofort wieder ein, als ich die Ergebnisse einer aktuellen Forsa-Umfrage sah. Danach betrachtet nur eine knappe Mehrheit der Deutschen (53 Prozent) meine Heimat "eher als Freund".
14 Prozent antworten mit "weder noch", zehn Prozent können in Bezug auf Russland nichts aussagen. Aber fast ein Viertel der Deutschen (23 Prozent) meint, dass Russland "eher Feind" ist. Immer wieder fiel mein Blick auf das Wort "Feind". Ich fragte mich, ob ich als Ausländer etwas sprachlich nicht richtig verstehe? Oder ist es wirklich so, dass jeder Vierte in Deutschland, wo ich jetzt wohne, davon überzeugt ist, dass wir Russen seine Heimat hassen?

"Das kann doch nicht sein", sagte ich mir und suchte Rat in einem Buch: "Deutsch als Fremdsprache" von Langenscheidt. Also, die erste Bedeutung des Wortes "Feind" lautet: jemand, der eine andere Person aus bestimmten Gründen hasst und versucht, ihr zu schaden. Hmm, vielleicht kann ja die zweite Definition meine Zweifel beseitigen? Leider nicht, denn die zweite Bedeutung für "Feinde" lautet: Menschen eines Landes oder Soldaten eines Staates, mit dem das eigene Land Krieg führt.

Ich hatte naiv angenommen, dass alle Kriege zwischen Russen und Deutschen längst ausgekämpft seien. Ich erinnere mich noch gut an meine Oma: Als ich noch ein Kind war und zuhause in Russland mit meinen Freunden auf dem Hof lautstark Krieg spielte, belehrte sie uns immer wieder: "Ihr sollt bei euren dummen Spielen nicht immer von den Deutschen reden. Wir haben damals nicht gegen Deutsche gekämpft, sondern gegen Faschisten." Sind die Russen noch die Feinde? 2005, vor den Feiern zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, wurde auch in Russland so eine Umfrage durchgeführt.

Man muss berücksichtigen, dass vor diesem historischen Datum auf russischen Kanälen zahlreiche ideologische Fernsehsendungen, historische Dokumentarstreifen, Heldenfilme und Talkshows gesendet werden. Im Mittelpunkt standen stets die Ruhmestaten des sowjetischen Volkes und die unvorstellbaren Grausamkeiten der Nazis.

Trotzdem: Nur 5,4 Prozent aller Befragten nannten Deutschland einen "Gegner Russlands in den internationalen Beziehungen", nur zwei Prozent meinten, dass unsere Beziehungen in den nächsten Jahrzehnten schlechter werden. Das Wort "Feind" kam überhaupt nicht vor. Übrigens nahmen an der Umfrage 2005 auch Deutsche teil, und ihre Antworten in Bezug auf die Russen waren zum Teil noch positiver.

Was also ist mit den Deutschen in den letzten drei Jahren geschehen? Haben die Meinungsforscher einen Fehler gemacht? Oder assoziieren Deutsche mit Russland vor allem den Kreml? Ja, die Ereignisse der letzten Jahre in der Innen- und Außenpolitik Russlands lassen aus westlicher Sicht viel zu wünschen übrig.

Ja, die meisten Russen zeigen sich über die westliche Demokratie enttäuscht und wollen die "eiserne Hand". Das könnte man auch verstehen, wenn man die Entwicklung des Landes seit 1990 verfolgt. Was macht Russland so schrecklich in den Augen der Deutschen, dass jeder Vierte das Land von Akunin und Netrebko, Kurnikowa und Tatu so hart bewertet?

Andrey Kobyakov

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