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BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind

5/03/2008 - Münchner Merkur

Von außen betrachtet

Die Stabilität der Banane

Geheimnis der Putinschen Stabilität

"Weißt du", sagte ein älterer Ostdeutscher zu mir, als wir 1993 bei einer Zugfahrt ins Gespräch kamen, "weißt du, Honecker war ein Idiot und euer Breschnew auch. Wenn sie uns mit Bananen und amerikanischen Jeans überhäuft hätten, wäre alles beim Alten geblieben." Dann brach der Alte in Gelächter aus, schlug mir kumpelhaft auf die Schulter und sagte: "Vergiss es, das war nur ein Scherz!" In jedem Scherz steckt bekanntlich ein Körnchen Wahrheit – die Lage im heutigen Russland beweist es: Das Präsidentenduo Putin/Medwedew und die Leute, die hinter ihnen stehen, sind keine Idioten, obwohl sie aus derselben Schule stammen wie die oben genannten Genossen. Doch die heutigen Herren Russlands verstehen ihr Land besser als ihre kommunistischen Vorgänger.

Putin und Medwedew kennen sich auch mit den westlichen Werten aus. Und gerade deshalb praktizieren sie diese nicht. Denn aus ihrer Sicht wären westliche Werte dem durchkorrumpierten Staat, dessen gespaltene Klassengesellschaft seit Jahrzehnten von materieller Stabilität träumt, nur schädlich.

Ehrlich gesagt: Manche Einschätzungen in den deutschen Medien zum Thema "Russland heute" sind naiv und oberflächlich.

Zugegeben: auch wenn man die russischen Realitäten aufmerksam verfolgt, versteht man Russland und die Russen häufig nicht. Keinesfalls will ich die gesamte Politik der heutigen Kreml-Herren rechtfertigen. Der offensichtliche Druck auf Andersdenkende ist nicht zu entschuldigen. Die fast vollständige Zähmung der Medien ist ebenfalls kein Anlass für Lob. Auch die gezielte Schwächung der neugeborenen Marktwirtschaft scheint mir ein riskantes Spiel zu sein. Man könnte diese Aufzählung fortsetzen, sollte aber erkennen, dass es sich hier nur um eine Liste von "Produktionskosten" handelt.

Was produzieren Putin & Co.? Einen selbstbewussten Staat mit kontrollierter Korruption und einer politisch betäubten Gesellschaft. Und was dient als Betäubungsmittel? Die Stabilität, oder besser gesagt: das, was die russische Masse darunter versteht.

Wenn nicht alle Anzeichen trügen, dann ist die kontrollierte Korruption ein Strategie-Pfeiler der von Putin proklamierten "gelenkten Demokratie". Dieses zynische Werkzeug kann sicherstellen, dass regionale Eliten und der Mittelstand für den Kreml berechenbar sind. Korruption scheint in Russland eine ganz andere Genese zu haben als in Deutschland: Bestechung und Bestechlichkeit sind Metastasen aus der Zeit der Einheitspartei, als Wohlstand noch als hierarchisches Privileg galt. Diese Form der Korruption schnell zu bekämpfen, ist kaum möglich. Das hat der Vorstand der Kreml AG schnell eingesehen.

Die meisten einfachen Russen genießen heute ihre Form der Stabilität: Sie haben "Bananen" in Form von Mercedes oder VW, und sie gelangen mühelos an "Jeans" (Auslandsreisen, Handy, Internet). Diese Russen fühlen sich als Angehörige einer Großmacht und glauben an ein sicheres Morgen.

Was wird morgen sein? Ich möchte keine Prognose wagen, zumal die Politik der russischen Elite sehr intuitiv und interpretativ zu sein scheint. Das Wichtigste ist, dass die Russen sich zumindest einig sind, dass sie nicht zurück wollen in die Sowjetzeit.

Russland hat heute keine geschäftsfähige Opposition mehr und damit auch keine reale Alternative zu Putin & Co. Wie lange das noch so sein wird? Ich weiß es nicht. Niemand hat bisher den Versuch unternommen, eine europäisierte Demokratie aufzubauen aus den Trümmern der euroasiatischen Autoritärmacht. Niemand weiß, wann in Russland jene Leute in die Schlüsselpositionen kommen, für die materielle Stabilität zweitrangig ist.

Vor diesem Hintergrund brauchen russische Jugendliche die Hilfe Europas. Sie können nur sicher in die Zukunft gehen, wenn der Westen die Russen nicht schulmeisterlich belehrt und spöttisch kritisiert, sondern sie partnerschaftlich unterstützt und vorsichtig korrigiert. "Haben Sie schon gewählt?", fragte mich letzten Sonntag eine deutsche Nachbarin. Ohne auf die Antwort zu warten, fügte sie hinzu: "Ich würde unbedingt Putin wählen." Ich korrigierte sie: "Meinen Sie Medwedew..?" Die ältere Dame zuckte mit den Schultern: "Ach, diesen Namen vergesse ich immer wieder, aber das ist ja egal, oder?"

Andrey Kobyakov

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