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Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind

2/04/2008 - Münchner Merkur

Von außen betrachtet

Die Olympiade der Heuchler

Über die Olympischen Spiele in Peking

Wenn Ende des 19. Jahrhunderts ein weltberühmter Franzose gewusst hätte, mit welchen Diskussionen und Problemen europäische Politiker heute beschäftigt sind – er hätte damals wahrscheinlich den Text seiner "Olympischen Charta" um einen wichtigen Punkt ergänzt. "Die Organisation der Olympischen Spiele darf nicht Staaten mit autoritären Regimen überlassen werden", hätte Pierre de Coubertin, der Olympia-Pionier der Neuzeit, mit roten Buchstaben in sein berühmtes Manifest schreiben können.

Doch er tat es nicht, und der Gedanke klingt auch komisch, wenn man sich heute daran erinnert, in welcher Zeit Olympia sein zweites Leben bekam. Eines der Hauptziele der Wiederbelebung der antiken Olympischen Spiele war laut Coubertin die Überwindung nationaler Egoismen. Während der altgriechischen Spiele hatte man alle Kriege ruhen lassen. Deshalb wollte auch Baron de Coubertin von vornherein nur Sport, keine Politik. Ein klarer Standpunkt, der keiner Präzisierung bedarf. Unter anderen Vorzeichen hätten zum Beispiel die Spiele in Berlin 1936 und in Moskau 1980 nie stattgefunden.

Die Aufrufe zum Boykott der Olympischen Spiele in Peking, die heute von einigen europäischen Spitzenpolitikern zu hören sind, klingen fast kindlich naiv. Nach dem Prinzip: Peter lernt schlecht, deshalb komme ich nicht zu seiner Geburtstagsparty... Manche Redner fordern zwar keinen Boykott, appellieren aber an das Internationale Olympische Komitee, politische Aktivitäten der Sportler während der Spiele zu erlauben. Dabei verbietet die IOC-Charta bekanntlich die Demonstration politischer Ansichten.

Für mich riechen all diese Forderungen nach Heuchelei, Populismus und politischem Unvermögen. Heuchlerisch ist es, wenn westliche Staaten zwar kompromisslose Appelle an China richten, selbst aber enge Kontakte zum Beispiel mit Usbekistan (Nato- Militärbasen) und Turkmenistan (Wirtschaft) pflegen. Geradezu lächerlich wirkt die China-kritische Initiative des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der gleichzeitig seine "nukleare Freundschaft" zu dem libyschen Staatschef Muammar Gaddhafi beschwört.

Die Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Spiele sind ohne Zweifel populistisch. Denn es ist absehbar, dass nicht alle Länder diesem Aufruf folgen würden. Durch den Versuch, den Hochleistungssport politisch zu instrumentalisieren, wollen sich Parteipolitiker nur öffentlich hervortun und sich als eifrige Menschenrechtsverfechter zeigen. Nein zu sagen und sich abzuwenden ist immer leichter, als komplizierte Situationen zu beherrschen und nach Auswegen zu suchen. Wenn die Politik schon meint, im Sport mitmischen zu müssen, dann wäre es sinnvoller, die Herausforderung anzunehmen und die olympischen Nationalteams als Botschafter des Friedens zu betrachten. Boykotteure stellen sich selbst ein Zeugnis für politisches Unvermögen aus.

Nach einer Emnid-Umfrage sind bereits 20 Prozent der Deutschen eindeutig gegen eine Beteiligung ihrer Mannschaft an den Olympischen Spielen in China. Gott sei Dank: In der Bundesregierung und im Deutschen Olympischen Sportbund dominieren nüchterne Stimmen. Leider aber redet bis heute niemand den Sportlern und den Sportvereinen das Wort. Dabei sind sie die Hauptakteure der Olympischen Spiele.

Wer von boykottierenden deutschen Politikern und Befragten weiß denn überhaupt, was eine olympische Medaille kostet, welchen Preis die Sportler für ihre Teilnahme an Olympia zahlen? Nein, es geht nicht um Geld. Es geht um Schweiß und Tränen, um Lebensplanungen, um die unglaublich komplizierten Berechnungen von Trainingsprozessen. Und es geht letztlich auch um menschliche Schicksale, bei einigen um eine letzte Chance.

Nicht die "Olympische Charta" bedarf einer Korrektur, sondern die olympische Devise. "Citius, Altius, Fortius" (zu deutsch: schneller, höher, stärker) sollte um ein Wort ergänzt werden: "Protectius" – beschützter. Die Olympioniken müssen geschützt werden vor den Amateuren aus der Politik.

Andrey Kobyakov

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