На главную страницу сайта: www.mediasprut.ru Rambler's Top100
{banner} HERZLICH WILLKOMMEN IN RUSSLAND!
medianetz
journalismus russland
info-center portfolio fotoalbum
leitseite über projekt über autor kontakt
zu den favoriten    • weiterempfehlen

Portfolio

BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind

1/05/2008 - Münchner Merkur

Von außen betrachtet

Ein BH im Pkw auf der A1

Zu verbreitetsten russichen Klischees über Deutschen

Welcher russische Politiker wandte sich einst an sein Volk mit der Botschaft "Lernt bei den Deutschen"? Gorbi? Falsch! Putin? Auch nicht. Der Mann hieß bis 1901 Wladimir Uljanow, aber weltbekannt wurde er später als Lenin.

Der Führer der russischen Marxisten war bekanntlich ein eifriger Deutschenfreund, lebte zeitweise in Deutschland, von wo er 1917 nicht nur Geld für die Revolution mitbrachte, sondern auch die Liebe zur Ordnung. Heute wissen nur noch wenige Leute, was er mit dem Motto "Lernt bei den Deutschen!" meinte. "Heutzutage verkörpert nur der Deutsche das Organisierungsprinzip", schrieb er in einem erst seit 1991 zugänglichen Dokument. Und bilanzierte: "Lernt bei den Deutschen, russische kommunistische Faulenzer!" Dieser Satz enthält als eine Art Essenz alle russischen Klischees über die Deutschen, die bis heute das Bild des Landes in Russland prägen.

Die verbreitetsten Klischees sind folgende: In Deutschland herrschen absolute Ordnung und totale Sauberkeit, die Deutschen sind unglaublich pünktlich, sehr diszipliniert, äußerst akkurat, rastlos geschäftig, aber naiv, unflexibel, geizig und kalt.

Überrascht reagiert fast jeder Russe, sobald er auch nur für kurze Zeit nach Deutschland kommt. Was meine früheren vorurteilsreichen Vorstellungen angeht, die sich von den oben genannten kaum unterschieden, mache ich bis heute immer wieder neue Entdeckungen, negative wie positive.

Echte Disziplin kann man nur noch bei älteren Leuten beobachten. Im Straßenverkehr merkt man das besonders deutlich: Heutige Deutsche sind nur dann diszipliniert, wenn sie Strafen befürchten müssen. Dass es mit der absoluten Sauberkeit in Deutschland auch nicht so weit her ist, freut besonders meine Hündin: So viele Leckerlis, die auf dem Rasen verstreut und in Büschen versteckt sind, hat sie in Russland nie gesehen – obwohl die russischen Städte schmutziger sind. Manchmal sieht mein Vierbeiner beim Spaziergang so aus, als ob er mich fragen wollte: "Hey, wissen diese Deutschen wirklich nicht, dass Waffelhörnchen auch essbar sind?"

Pünktlich scheinen im heutigen Deutschland nur die Busse zu sein, alles andere – inklusive Zügen und Menschen – lässt viel zu wünschen übrig. Die deutschen Praxisärzte sind in diesem Sinne eine Art Weltmeister. Ich habe lange überlegt, warum man Termine immer so verteilt, dass man mindestens eine halbe Stunde warten muss. Und dann habe ich verstanden: Das ist eine neue Heilmethode! Solange man im Wartezimmer sitzt, kann man dort immer noch jemanden finden, dem es schlechter geht.

Ordentlich und akkurat? Soweit ich verstehe, ist das Äußere in Deutschland kein Fetisch. Deshalb: Komplexe und Knigge- Tabus weg! Würde ich mich in Russland so anziehen, wie das viele Deutsche hier tun, würde ich von höhnischen Blicken aufgespießt. Hier kann ich problemlos weiße Socken mit schwarzem Anzug und gelben Jogging-Schuhen kombinieren. Leider kann meine Frau diese Freiheiten gar nicht genießen: Es fällt ihr schwer, das Etikett ihres Slips oder ihre BH-Träger zur Schau zu stellen.

Rastlos geschäftig sind fast alle Deutschen, meist während der Bürozeiten. Eine Ausnahme machen Politiker, deren Überstunden wahrscheinlich sehr gut bezahlt werden. Wenn gerade keine Arbeitslosigkeit herrscht und keine Finanzkrise droht, dann kümmern die unermüdlichen Koalitionäre sich sofort um die Silikonbusen von Teenagern. Naiv sind die Deutschen keinesfalls: sonst könnte ich nicht stundenlange Telefon-Konzerte unter Service-Nummern genießen. Unflexibel sind sie auch nicht: Wenn im Januar plötzlich die Sonne scheint, ziehen sie sich sofort aus. Die Russen sind da anders: Bei plus 20 Grad schwitzen sie in Winterjacken, nur weil der Kalender März zeigt.

Die Deutschen sind nicht geizig, sondern sehr sparsam, das ist ihre Nationaleigenschaft. Sie betrifft nicht nur Geld, sondern auch die Sprache. Die Liebe zu Abkürzungen gleicht einer Sucht. "In einem Pkw auf der A1 wurde von BKA-Beamten ein BH gefunden". Auf Russisch wären dazu doppelt so viele Wörter nötig. Nicht viele Deutsche sind kalt. Ganz im Gegenteil. Lächelnd reicht man mir Kassenbons, höflich sagt man mir in den Ämtern ab, mit ungespieltem Mitleid klärt man mich darüber auf, warum ich ein Mahnungsgeld zahlen soll.

Aber Spaß beiseite: All meine Versuche einen Deutschen vorzustellen, der allen Klischees zu hundert Prozent entspricht, enden stets mit dem Horrorporträt eines Monsters. Das ist auch gut so: Denn die Deutschen sind einfach ganz normale Leute, denen unsere althergebrachten russischen Vorurteile bei näherem Hinsehen nicht standhalten.

Andrey Kobyakov

Diesen Text als pdf-Datei downloaden