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Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind

23/07/2008 - Münchner Merkur

Von außen betrachtet

ABC-Quiz für Neubürger

Ausländer sollen seine zweite Heimat kennen

Der sogenannte "Einbürgerungstest" war noch gar nicht erschienen, da rief er in der deutschen Öffentlichkeit schon eine breite und scharfe Debatte hervor. Die süchtige Neigung zu allerlei Diskussionen ist für Deutschland typisch. Zumal in diesem Fall die Neuigkeit im Inneren des Innenministeriums geboren wurde, dessen Initiativen seit jeher auf besondere Aufmerksamkeit bei Politik und Medien stoßen. Kein Wunder, dass in den ersten Reihen der Kritiker jüdische und türkische Gemeinden standen.

Erstere vermissten die Aufforderung, sich bereit zu zeigen für die Übernahme der historischen Mitschuld. Außerdem wurde bemängelt, dass keine Frage des Einbürgerungstests das Wort "Holocaust" enthält. Dies zeuge von einem seltsamen Geschichtsverständnis, lautete die Kritik. Türkische und muslimische Verbände in Deutschland hingegen meinten, die Prüfung schaffe neue Hürden auf dem Wege zur deutschen Staatsangehörigkeit. Die Kritiker (zu denen aus Oppositionspflicht auch Grüne und Linke gehören) sind der Meinung, dass die von Innenminister Wolfgang Schäuble abgesegnete Prüfung zu schwer sei. So schwer, dass selbst gebürtige Deutsche beim Test scheitern würden.

Zu den Fakten: Laut offizieller Statistik leben in Deutschland mehr als zwei Millionen türkischstämmige Menschen. Die Zahl der Einbürgerungen von Türken, die eigentlich zwischen zwei Staatsbürgerschaften auswählen müssen, ist innerhalb der letzten fünf Jahre von rund 65 000 auf 29 000 zurückgegangen. Ein klarer Trend, für den kein Test oder andere "Hürden" verantwortlich wären. Warum sich immer weniger Türken für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden, wäre ein Thema für einen anderen Kommentar.

Heute beschäftigen wir uns mit dem umstrittenen und angeblich so schweren Test. Und da bin ich mit Wolfgang Schäuble einer Meinung: In Deutschland eine Führerscheinprüfung abzulegen ist schwerer, als den Einbürgerungstest zu bestehen. Man muss ja nur 17 von 33 ausgewählten Fragen richtig beantworten. Die Fragen sind nicht nur unkompliziert, sondern auch ziemlich lebensnah und interessant. Darüber hinaus sind sie an vielen Stellen veröffentlicht worden, können also vorher einstudiert werden. Ja, man bietet sogar Vorbereitungskurse an!

Aus journalistischer Neugier habe ich selbst im Internet die Probe aufs Exempel gemacht. Um das Ergebnis des Experimentes nicht zu verfälschen, wiederholte ich das Ganze dreimal – immer mit anderen Fragen und selbstverständlich ohne Vorbereitung. Das schlimmste Ergebnis waren 26 richtige Antworten.

Klar: Obwohl Ausländer, bin ich doch ein Journalist, der sich in erster Linie für Deutschland interessiert. Aber ich denke, alle Bewerber um die deutsche Staatsangehörigkeit sollten das tun: sich für das Land interessieren. Nicht nur wegen der Plastikkarte mit dem Adler, sondern aus Anteilnahme und Neugier gegenüber ihrer neuen Heimat. Andernfalls würde sich die Frage stellen: Wozu braucht einer dann die deutsche Staatsbürgerschaft?

Der Einbürgerungstest sollte von ausländischen Bewerbern nicht als "Hürde" oder Prüfung, sondern als eine zusätzliche Bildungschance begriffen werden. Sein Hauptziel ist die Vermittlung praktischer Kenntnisse, die eine Identifikation mit der neuen Heimat fördern und somit das Leben und den Alltag in Deutschland erleichtern. Ähnliche Verfahren existieren schon seit langem in den USA, in Kanada oder Österreich. Sogar im angeblich liberalsten Immigrationsland Europas, in Großbritannien, müssen künftige Bürger nicht nur Englisch lernen, sondern auch Grundlagen der Landeskunde beherrschen.

Was mir an dem Prüfungskatalog nicht gefällt, ist die Tatsache, dass mindestens ein Fünftel der Fragen mit Hilfe einfacher Logik beantwortet werden kann. Man braucht dabei überhaupt keine Kenntnisse. Von wegen, selbst die einheimischen Deutschen könnten diesen Test kaum bestehen. Dieses Argument erscheint absurd. Wenn man sich dieser Logik bedient, müsste man mindestens jedem dritten Autofahrer den Führerschein abnehmen.

Andrey Kobyakov

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