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BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind

26/11/2008 - Münchner Merkur

Von außen betrachtet

Paradoxenland Deutschland

Was bei Deutschen begeistert und enttäuscht

Kann sein, dass Russland das einzige Land ist, wo man bei minus 20 Grad auf den Straßen Eiscreme isst. Es ist nicht ausgeschlossen, dass weltweit nur die Russen den Wodka mit Bier nachspülen. Und auf die Frage "Warum?" wird mit unverfälschtem Erstaunen geantwortet: "Wodka schmeckt ekelhaft!"

Früher dachte ich, dass es nirgendwo mehr alltägliche Paradoxien gibt als in meiner orthodoxen Heimat. Damals wusste ich noch nicht so viel über Deutschland.

Die Wortverbindung "Deutsche Medizin" klingt magisch für viele Osteuropäer. Meine Landsleute sind durchdrungen von der Idee, dass die Ärzte in Deutschland Zauberern gleichen. Übrigens wird diese Überzeugung mit den Erkenntnissen über teure medizinische Dienstleistungen ergänzt.

Beides ist schwer zu bestreiten, dennoch gibt es ein "Aber". Es handelt sich wahrscheinlich um die Ärzte in den Kliniken. Was die sogenannten Praxisärzte angeht, wäre es für Deutschlands Image besser, wenn man davon gar nichts weiß.

Der typische Algorithmus beim Praxisbesuch besteht aus mindestens 30 Minuten Warten, 10 Euro Zahlen und 5 Minuten Untersuchung. Das gilt für den Fall, dass man in der Zeit, die zwischen Anruf und Termin vergeht, am Leben bleibt.

Wie die Terminverteilung ausgerechnet wird, ist das Geheimnis der Branche. Oder das Geschäft?

Die These "Deutschland ist ein Rechtsstaat" gilt schon seit langem axiomatisch. Das Paradox besteht aber darin, dass die Rechte nicht gleichmäßig verteilt sind. Zum Beispiel die Rechte von Konsumenten und Produzenten scheinen sich sehr zu unterscheiden.

Einmal rief mich die Mitarbeiterin einer Mobiltelephon- Firma an, um mir einen neuen "super-günstigen" Tarif anzubieten. Das klang interessant und ich bestellte eine Info- Broschüre. Ein paar Tage später stellte sich heraus, dass ich bereits "glücklicher Besitzer" eines neuen Modems war, dass mein derzeitiger Vertrag in einem Monat gekündigt wird und dass ich in zwei Wochen zu Hause sein sollte, weil da der Installationstermin ist.

Dieses Problem konnte ich selbstverständlich lösen, aber niemand wurde bestraft, obwohl ich nicht nur Zeit, sondern auch Geld für mehrere Telefonate verschwendete.

Ein Bekannter wurde einmal von der Polizei für die zu laute Musik im Pkw bestraft. Es gibt tatsächlich eine entsprechende Vorschrift in der StVO. Meine Frage: Warum untersagte der Erfinder dieser Regel nicht die Nutzung von Mofas und Mopeds? Oder von Rasenmähern?

Letzteres ist ein Extrathema. Warum nutzen die Deutschen, die so stark im Umweltschutz engagiert sind, nicht die gute alte Sense?

Und warum reinigt man die Bürgersteige nicht mit einem Strauchbesen? Jeden Herbst beobachte ich dieses absurde Theater, das besonders lustig bei Wind aussieht: Sisyphusarbeit auf Kosten von Umwelt, Steuerzahlern und Gesundheit. Also, Mofas, Rasenmäher, Laubbläser greifen unsere Trommelfelle das ganze Jahr an, aber bitte doch keine laute Musik im Pkw.

Die Gesundheit lässt in Deutschland inzwischen viel zu wünschen übrig. Wie die jüngste Studie "Fit fürs Leben" zeigt, ist mehr als ein Drittel der Männer und knapp ein Viertel der Frauen zwischen 16 und 25 Jahren übergewichtig. Einer anderen Statistik zufolge gehört aber jeder dritte Deutsche einem Sportverein an.

Während es in kaum einem anderen Land so viele Gesundheitstipps in den Medien gibt, taucht auf den Speiseplänen vieler Kindergärten mit schöner Regelmäßigkeit Pizza auf. Und in den meisten Schulen gibt es gar keine Mensen mehr.

Was auch immer wieder auffällt in Deutschland, sind die kauenden Gesichter, überall und jederzeit: von morgens früh bis abends spät, in Bussen und Zügen, in Wartezimmern und beim Radfahren. Dabei heißt die Schlüsselfrage: Was isst man? Dennoch ist die Lebensdauer der Deutschen ziemlich hoch. Ist das nicht paradox?

Der Pisa-Studie zufolge gelten die jungen Deutschen seit Jahren als Nichtsleser, Nichtsrechner, Nichtswisser, also Nichtskönner. Nur woher kommt der weltweite und bis heute aktuelle Ruhm der Kennzeichnung "Made in Germany"?

Es stimmt definitiv: Den Wodka mit Bier nachzuspülen, ist kein Paradox.

Andrey Kobyakov

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