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18/02/2009 - Münchner Merkur

Von außen betrachtet

Obama und die Russen

Zwei Prognosen für neuen US-Präsident

Nicht selten fragt man mich hier in Deutschland: "Wie finden die Russen den neuen US-Präsidenten?" Darauf bin ich vorbereitet: Ich habe seit langem zwei Standardantworten vorrätig – abwechselnd genutzt, je nachdem. "Keine Ahnung, ich wohne ja nicht in Russland", lautet die erste. "Schwer zu sagen, aber definitiv besser als George W. Bush" die zweite. Da letztere ein weiteres "Warum?" nicht ausschließt, ist für den Fall das rasche Endspiel vorbereitet: "Weil Obama neu ist."

Wenn man die Frage ernsthaft beantworten will, muss man sich an Fakten orientieren. Es lohnt sich hier, an das spezifische Weltbild der Russen zu erinnern. Die USA bleiben bis heute im Bewusstsein des durchschnittlichen Russen der politische Gegner und – im Unterbewusstsein – ein potenzieller Feind. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass die russischen Bürger gewissermaßen außenpolitisch berauscht sind von der eigenen nationalen Größe. Obwohl Russland seit langem nicht mehr politisch isoliert ist, entstand noch keine wirkliche staatliche Offenheit. Russland ist von allem, was in den USA geschieht, noch weitgehend abgeschottet. Es gibt im ganzen Lande keine einzige gesellschaftliche oder wirtschaftliche Institution, die von Amerika ähnlich abhängig wäre, wie das in Europa der Fall ist.

Ausländerfeindlichkeit und patriarchalische Anschauungen sind in Russland immer noch stark verbreitet. In einem russischen Weblog kann man beispielsweise lesen: "Die Welt steht kopf: In Deutschland regiert ein Weib, in den USA ein Neger." (Was im russischen Sprachgebrauch allerdings kein Schimpfwort ist.)

Vor diesem Hintergrund wurden in Russland zwei Umfragen durchgeführt, deren Ergebnisse bemerkenswert erscheinen. Der einen Umfrage zufolge wollte bereits im Oktober 2008 jeder vierte Russe Barack Obama als US-Präsident sehen. Sein republikanischer Gegenspieler John McCain musste sich mit nur 15 Prozent "russischer Stimmen" begnügen. Allerdings konnte rund die Hälfte der Befragten die Frage nicht beantworten, welche politische US-Partei für den Kreml günstiger wäre.

Ende Januar 2009, also nach der Amtseinführung von Obama, wurden die Russen nochmals befragt. Zwei Drittel meinten, dass der neue US-Präsident dem politischen Kurs seines Vorgängers nicht folgen solle. Jedem dritten Russen ist der neue Chef des Weißen Hauses absolut egal. 20 Prozent verbinden mit Obama "große Hoffnungen", und über ein Viertel empfindet "Respekt und Sympathie" für den neuen US-Präsidenten. Ganze 7 Prozent meinen, dass die USA einen anderen, "würdigeren" Staatschef brauchen. Dabei geben 17 Prozent der Befragten offen zu, nicht zu wissen, was für ein Mensch Obama überhaupt ist.

Unter russischen Experten kursieren, grob gesagt, zwei Prognosen. Der einen zufolge werden die ersten paar Monate der Präsidentschaft Obamas von positiver Rhetorik und guten Absichten gekennzeichnet sein. Danach werde der neue Präsident aber sehr schnell seinen Platz im System der amerikanischen politischen Elite einnehmen und keine eigenständigen Entscheidungen mehr treffen. Die zweite Prognose stellt Obama nur ein kurzes Leben in Aussicht; dabei wird ständig an John F. Kennedy erinnert und darauf hingewiesen, dass ein politischer Mord in den USA kein Ding der Unmöglichkeit sei.

Die Tatsache, dass beide Zukunftsszenarien für Obama negativ ausfallen, kann mit den anfangs geschilderten innerrussischen Hintergründen erklärt werden; offenbar übertragen selbst russische Experten (unbewusst?) die politische Realität in Russland auf die Ebene der internationalen Politik.

Andrey Kobyakov

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