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BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind

18/03/2009 - Münchner Merkur

Von außen betrachtet

Schuld und Sühne

Es kommen neue Amokläufe in den Schulen

Schuld und Sühne: Nein, mit dem weltberühmten Literaturwerk von Fjodor Dostojewskij haben die nachfolgenden Überlegungen nichts zu tun. Nur mit den zwei Worten, die im Titel des Romans und in der Überschrift stehen: Schlüsselworte, die nie allein existieren dürfen. Im Idealfall.

Als die ersten Details über das blutige Drama von Winnenden in den Medien erschienen, waren meine ersten Gedanken merkwürdigerweise weit weg von den Problemen der Jugendlichen in Deutschland und vom Tatort in Baden-Württemberg. Ich fragte mich, warum passiert so etwas regelmäßig im rechtsstaatlichen Westen – aber noch nie in Russland?

Das Fehlen einer adäquaten Verbindung zwischen Verbrechen und Strafe (so heißt der oben genannte russische Roman im Original) führt nicht nur zu neuen Vergehen, sondern auch zu ihrer Vermehrung. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Was hindert uns daran, ihr zu folgen?

Ein Kennzeichen der deutschen Gesellschaft ist die geradezu suchtartige Kultivierung von Demokratie und Loyalität, die man wohl mit historischen Ängsten und Komplexen erklären könnte. Und diese "Sucht" wird mehr und mehr zu einer virtuellen Ikone, zu einem körperlosen Selbstzweck, zu einem Monster, das die sogenannte "kollektive Schuld" immer stärker in den Mittelpunkt stellt.

Die Tragödie in Winnenden, wo ein 17-jähriger junger Mann 15 Menschen umbrachte, wiederholt im Großen und Ganzen die früheren Szenarien: in Erfurt, Freising, Coburg oder Emsdetten. Ich meine damit nicht den Ablauf des Verbrechens, sondern die nachfolgenden Ereignisse. Die schwülstigen Trauerworte  und Kondolenzen von Politikern, die tagelang vom Amoklauf dominierten Titelseiten der Zeitungen, wertlose Versprechen, die Beziehungen zwischen den Generationen zu verbessern und – keine einzige echte Strafe.

Ja, der Verbrecher richtete sich. Aber er war nicht allein, er hatte indirekte Komplizen. Als Mitbeteiligte könnten in erster Linie seine Eltern und Lehrer gelten. Denn Erziehung beschränkt sich nicht auf ausreichendes Taschengeld, gute Kleidung und einen gefüllten Bauch. Ausbildung heißt mehr als nur die Sammlung von Kenntnissen. Die Eltern sind schon bestraft. Und die Lehrer?

Als Mitbeteiligte könnten auch die Spitzenpolitiker des Landes gelten: Die Sicherheit in den Schulen liegt in ihrer Kompetenz. Ebenso sollte sich die Polizei schuldig bekennen: Sie entwickelte schließlich bis heute keine präventiven Maßnahmen. Warum werden etwa auf Schulgeländen keine Streifengänge durchgeführt? In großen Banken und Kaufhäusern sind Sicherheitsleute im mer zu sehen, nicht aber in Schulen. Man hütet Geld und Luxusgüter wie seinen Augapfel. Aber was ist mit den Kindern?

Wenn nachgewiesen wird, dass der Mörder aus Winnenden psychiatrisch behandelt wurde, dann sollten auch seine Ärzte auf der Liste der Komplizen stehen. Werden alle diese Leute gefeuert? Eine rhetorische Frage...

Die ganze Gesellschaft zu verurteilen, die von ihren Kindern faktisch getrennt lebt, macht keinen Sinn. "Alle" bedeutet in der Regel "niemand". Und in diesem Fall wird wohl auch niemand bestraft.

Die Journalisten, die jedes Detail der Geschichte sammeln, werden ihren kollektiven Kriminalroman früher oder später zu Ende bringen. Der wird gelesen, durchdiskutiert – und danach im Regal versteckt. Man liest einen Krimi selten zweimal.

Andrey Kobyakov

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