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BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind

8/01/2001

Der „Falke“ namens Wolf

Ich fuhr in den Berliner Stadtteil Köpenick, die grüne Lunge im ehemaligen Ostberlin. Hier, im Foyer des Hotels “Marriott” am malerischen Spreeufer, hatte ich durch einen glücklichen Zufall die Gelegenheit, mich mit dem Menschen zu treffen, dessen Name für alle Knaben der 60er und 70er Jahre als Symbol für Mut, Güte und Gerechtigkeit galt.

Dieser Mensch hat sich im Gedächtnis vieler Leute als „Falke“ oder „Sohn der großen Bärin“ eingeprägt; andere verbinden mit seinem Namen „Ozeola“, „Tekumse“ und „Chingangok“. Es könnte sich an diesen Streifen gestandenermaßen Walerij Todorowsky nicht satt sehen. In jener Zeit wurden alle Büsche entlang der osteuropäischen Flüsse zu „Indianer-Reservaten“, Wiesen verwandelten sich in “Prärien”. Striemen und Kratzer galten unter uns Jungen als Renommierstücke: Das waren sozusagen die Spuren von Pfeilen und Wurfspießen.

Gojko Mitic, wie es sich für einen echten Indianer gebührt, tauchte ganz unerwartet auf. Es war unmöglich, ihn nicht wiederzuerkennen. Der „Falke“, der seit 1967 in Deutschland wohnt, hatte sich fast nicht verändert: Derselbe scharfsinnige, schalkhafte Blick, dieselbe sportliche Figur. An sein Alter erinnern nur graumelierte Haare und seichte Falten auf hoher Stirn.

Meine Frage nach seinem Alter beantwortet er so: „Ich bin sozusagen schon im „Club der 60jährigen“. Ich wurde am 13. Juni 1940 im ehemaligen Jugoslawien, in dem Städtchen Leskowez, geboren. Meine kleine Familie, das waren meine Mutter, mein Vater, Oma, Opa, meinälterer Bruder Dragan und ich. Im Unterschied zu mir wählte mein Bruder übrigens einen anständigen Beruf, er ist Jurist“.

“Welchen „unanständigen“ Beruf erlernten Sie?“

„Ich trieb schon früh gerne Sport, und ging nach dem Abitur an die Belgrader Hochschule für Körperkultur, um Sportlehrer zu werden. Aber es kam alles ganz anders. In Jugoslawien wurden derzeit viele Filme gedreht. Manchmal jobbte ich als Statist, später als Double, überall dort, wo man Fertigkeiten im Reiten und bei Trickaufnahmen brauchte. Während eines Filmdrehs emerkte der britische Regisseur und zugleich Titelheld, Connail Wilde, dass ich ihm sehrähnlich sah. Bald doubelte ich bereits den Hauptdarsteller. Ich war damals gerade 22 Jahre alt.“

„War das ein Indianerfilm?“

- Nein, die Handlung dieses Streifens spielte im Mittelalter. Jeden Tag zog ich eine schwere Ritterrüstung an, griff mit einer Hand einen Riesenspieß, mit der anderen ein Schild, darüber hinaus hielt ich mit zwei Fingern die Pferdezügel. Ich trieb mein Pferd an und gleichzeitig jagten etwa zweihundert Reiter hinter mir her. Sie werden es nicht glauben, aber ich habe mir während meiner ganzen Karriere keine ernsten Verletzungen zugezogen.“

„Sie sehen nicht alt aus. Gibt es dafür irgendein Geheimnis?“

„Keine Geheimnisse. Ich trinke selten Alkohol, nur ab und zu einen guten Wein. Ich bin Nichtraucher und halte täglich meine Sportform. Jeder Mann muss fit sein… Also, das war meine erste Erfahrung im Kino. Und das war ein erster Erfolg. Fachleute sagten mir dann: „Mensch! Es klappte bei dir alles so gut!“ Dann kam noch eine kleine Rolle, danach eine weitere und so fort, bis ich begriff, dass dies mein Lebensweg ist… Eines Tages besuchte ein Professor, er war Dozent für Theaterkunst, die Sporthalle unserer Hochschule. Er wollte sich fit halten, und ich brauchte seine Kenntnisse. Bald begann ich Privatunterricht zu nehmen.“

“Erinnern Sie sich an Ihre erste Schauspielarbeit?“

„Natürlich. Das war eine kleine Rolle vom Signor de la Notte in einem italienischen Film: Ganz wenig Text, Venezianer, Katakomben, Degenklirren, dunkle Gassen… Danach kam die westdeutsche Filmreihe über Winnetou . Im ersten Film war die Rolle nicht groß, in „Winnetou II“ schon größer, und in der dritten Folge, sie hieß “Unter Geiern”, spielte ich bereits eine der Titelrollen.

Als echter Start eines indianischen Western im Ostblock erwies sich ein gemeinsames Projekt des tschechischen Regisseurs Josef Mach mit jugoslawischen Spezialisten und dem DEFA-Studio der DDR. In „Die Söhne der großen Bärin“ 1965 spielte ich die erste große Titelrolle. Das Drehbuch gefiel mir sehr; ich verschlang es förmlich über Nacht! Es hob sich wesentlich ab von den anderen Drehbüchern. Zum ersten Mal wurden Indianer nicht als die Bösen gezeigt. Diese Geschichte erzählte über gerechte Krieger, über Menschen, die um ihre Unabhängigkeit kämpften. Das war eigentlich die reine Wahrheit. Darüber hinaus verstanden wir - der tschechische Regisseur und ich - uns wunderbar, denn ich sprach außer serbisch gut russisch. Der Film war in vielen Ländern ein Erfolg. Zugleich wurde ich bekannt, und das indianische Thema nahm an Popularität zu. Im Jahre 1966 kam „Chingangok“ von Konrad Petzold in die Kinos, 1967 „Die Spur des Falken“ von Gottfried Kolwitz, es folgten „Apatschen“, „Weiße Wölfe“, „Ozeola“…

„Ich habe gehört, dass alle diese Filme in sehr kurzer Zeit gedreht wurden, einige von ihnen auch in der UdSSR?“

„Man brauchte für einen Film 50 - 60 Tage, nicht länger. Man suchte Landschaften, die denen in Mexiko und Nordamerikaähnlich waren. Am besten eigneten sich dafür Gegenden im Kaukasus, auf der Krim und sehr häufig auch in Usbekistan. Einmal, während der Aufnahmen zu “Apatschen”, nahe Samarkand mussten wir viele Reiter in einer Massenszene filmen. Wir gingen ins nächstgelegene usbekische Dorf und baten um Hilfe. Es fanden sich viele Interessierte, doch,… um Gottes Willen: Keiner wollte seinen Oberkörper entblößen. Aber wir brauchten für die Filmszenen „echte Apatschen“, die mit nackten Oberkörpern reiten. Erst, als wir ihnen versicherten, keiner würde sie so sehen, wir würden alles absperren, da willigten sie endlich ein. Dennoch war es sehr komisch für sie und wir haben viel gelacht. Und noch eine Anekdote. Sie hängt mit der deutschen Grammatik zusammen: Nach einer Filmszene fragte ich das Drehteam: „Habe ich gut geschi(e)ssen?“ Das ganze Team lachte sich krank und ich verstand zuerst nicht, warum. Ich hatte die Vergangenheitsform von „schießen“ mit der vom Verb „scheißen“ verwechselt.

„Welche Sportart haben Sie getrieben?“

„Fast alle. Ich wollte Sportlehrer werden, und der soll alles können. Ich war kein Profi, obwohl ich ein guter Speerwerfer hätte werden können.“

„In einer alten DDR-Jugendzeitung, “Junge Welt”, sah ich einmal ein Foto: Gojko Mitic im Trikot, der eine Übung an den Ringen vorturnt…“

„Das ist ein Szenenfoto aus dem Fernsehfilm “Zweite Liebe - ehrenamtlich”. Er hatte ideologische Schattierung und sollte Jugendliche anregen, Sport zu treiben und sportlichen Ruhm für die DDR zu erringen.

Eigentlich gibt es viele Kino- und Fernsehrollen, in denen ich durchaus keinen Indianer gespielt habe.

Im Fernsehstreifen “Die Liebe und die Königin” nach Viktor Hugos “Maria Stuart” spielte ich den Liebhaber der Königin. Ich war Spartakus, D’Artagnan, Robin Hood. Kürzlich übernahm ich in dem Kinofilm „Ameisenmann“ die Rolle eines Mexikaners indianischen Ursprungs. Insgesamt habe ich mehr als 40 Rollen auf dem Buckel.“

„Zu welchen Schauspielern hatten Sie ein besonders gutes Verhältnis?“

„Ich hatte eigentlich zu allen Schauspielern ein gutes Verhältnis. Eine echte freundschaftliche Beziehung verband mich mit meinem Partner Rolf Hoppe in den Indianerfilmen. Er tat mir leid. Da er immer die Rolle des bösen Bleichgesichts spielte, war er gerade unter den Kindern nicht sehr beliebt, im Gegensatz zu mir. Besonders seine Töchter hatten darunter zu leiden. Mussten sie doch in der Schule immer wieder versichern, dass ihr Vater in Wirklichkeit ein sehr lieber Mensch ist.“

„Sind Sie verheiratet?“

„Noch nicht. Ich war auch nie verheiratet! Ich lebe in einer Beziehung. Papier und Siegel sind für mich nicht so wichtig, wie einfach eine gute Gemeinschaft zwischen Mann und Frau.“

„Wie finden Sie die Vereinigung Deutschlands? Es gibt doch Probleme, oder…?“

„Trotz alledem ist es eine sehr wunderbare Sache. Kurz vor der Vereinigung reiste ich gerade mit meinem eigenen Programm durch verschiedene Städte der DDR. Ich war gerade in Dresden, als Tausende Leute auf die Strasse gingen und friedlich demonstrierten. Lärm und Lachen waren zu hören… Der Fall der Berliner Mauer ist sicherlich das größte positive Ereignis in der gegenwärtigen Geschichte Europas. Es braucht allerdings viel Zeit, um die Mauer aus den Köpfen der Menschen zu verbannen und um den Mut zu finden, bei Null wieder zu beginnen. Nach dem Fall der Mauer wurden viele Ostdeutsche aufs Abstellgleis geschoben. So auch Schauspieler. Sie waren den westlichen Produzenten unbekannt. Man musste sich neu präsentieren. Ich hatte Glück. Meine zweite „Schauspielergeburt“ fand in den Filmstudios Babelsberg (ehemalige DEFA-Studios) statt, in der Marlene-Dietrich-Halle, genau dort, wo ich in dem Film „Die Söhne der großen Bärin“ meine erste große Titelrolle hatte. Jetzt bekomme ich wieder regelmäßig Rollenangebote. Jeden Sommer nehme ich zum Beispiel an den bekannten Karl-May-Festspielen in Bad-Segeberg teil. Das ist eine großartige Show mit Massenszenen, zahlreichen Pferden, Hunden, Raubvögeln…“ Da spiele ich die Rolle eines indianischen Stammeshäuptlings.

„Wie gefiel es Ihnen, sich mit echten Indianern zu treffen?“

„Sehr! Und das wurde erst nach der Vereinigung möglich. Ein amerikanischer Journalist erwärmte sich für alte Indianerfilme. Er brachte mich in Amerika zu den echten Indianern. Das war eine wirkliche Überraschung. Sie nahmen mich sehr gut auf. Gleich auf dem Flughafen wurde ich mit Trommelschlägen und Liedern empfangen. Die Indianer waren recht beeindruckt von der Art und Weise, wie ein europäisches Bleichgesicht so authentisch die Gestalt ihrer Ahnen verkörpern konnte. Ich fühlte mich sehr geehrt, als der Häuptling mir sagte: „Du bist unser Bruder!“ Er verlieh mir einen indianischen Namen - Wolf.“

„Warum gerade Wolf?“

„Das kam so: Wir saßen eines Abends am Lagerfeuer, als er mich bat, die Augen zu schließen. Ich sollte mich konzentrieren und mir die Gestalt eines Tieres vorstellen. Ich sah einen Wolf. Der Häuptling sah mich daraufhin nur an und sagte: „Ich gebe Dir den Namen Wolf.“

„Sie wohnen in Deutschland. Was sagen Sie dazu, dass die Bundeswehr an der Militärkampagne in Jugoslawien teilnahm…“

„Dieses Thema ist nicht nur sehr kompliziert. Es bereitet mir Schmerzen: Während eines Bombenangriffs ist meine Mutter umgekommen… Nein, ich bin nicht den Soldaten und Offizieren böse. Ich hasse die Politiker, die mit unseren Schicksalen spielen, die anstatt Gottes dafür entscheiden, wer zu leben und wer zu sterben hat.“


Andrej KOBIAKOW.

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