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BEITRÄGE AUF DEUTSCH
Einige Artikel vom Autor, die in verschiedenen Medien veröffentlicht sind

15/11/2000 Berlin,
für "Die WELT" vorbereitet, aber nicht veröffentlicht und selbstverständlich nicht korrigiert :-(

Kampf ohne Krieg

Warum Tatarstan kein Tschetschenien wurde?

...Es fielen mir diese schrecklichen und schon vergessenen Ereignisse in Tatarstan gerade hier in Berlin ein, ganz unerwartet. Während der Demo von Rechtsextremen. Ganz plötzlich, aber durchaus nicht zufällig.
Es marschierten eben so die Reihen von bewaffneten Polizisten, es war ebenso belebt und geräuschvoll. Es kam mir im Augenblick das furchtbare Gefühl, als ob ich hier fremd bin, ein Russe in Berlin. Wie damals ein Russe in Kasan.

Die Tatarstans Hauptstadt Kasan, 1992. Ich stand gerade in der Mitte der rasenden Schar von laut schreienden Leuten. Die saftigen Jungleute mit grünen Bändern um Kopfe brachen die Spaltkeilen aus Holzbanken heraus. "Schau mal, verfluchter Russe!" - hörte ich heisere Stimme eines betrunkenen Mannes. Er hat diese Phrase auf tatarisch gesagt. Dann bemerkte ich nur einen Anschwung mit Stock. Im nächsten Augenblick dachten und entschieden alles nur meine Beine. Kein Wunder: Im Bewußtsein rufen die eisigen Worte von nationalistischen Führern zuruck: "Alle von gemischten Ehepaaren geborene Kinder gehören zu umbringen". So ist es gewesen.

* * *

Noch vor etwa sechs Jahren setzten mehrere Ausländer die Begriffe "Kasan" und "Tatarstan" dem Namen "Kasachstan" gleich. Und die Bemerkungen anlässlich dem Wolga-Mittellauf bringen jedesmal noch weitere Konfusionen hinein. Heute kommt es aber sehr selten vor: Tatarstan ist dem Westen bekannt. Das ist dieselbe Region, dadurch eine berühmte Phrase von Jelzin aufkam: "Nimmt ihr die Souveränität so viel ihr könnt!". Das ist dasselbe Föderationssubjekt, das vorrangig vom neuen russischen Präsidenten besucht wurde.

Auf der Fläche dieser orthodox - moslimischen erdölgewinnenden Region könnten Belgien und Niederlande leicht platziert werden. Hier herrschen russischer Winter mit minus 25 Grad und echter osteuropäischer Sommer mit gleicher Temperatur, aber plus.

Seit 922 ist hier Islam als offizielle Religion anerkannt, und Mitte des 16. Jahrhunderts nach der Eroberung des Kasaner Khanats vom Zar Ioann den Schrecklichen kam hierher das orthodoxe Christentum. Heute leben beides "unter einem Dach", und zufolge eigener Verfassung gelten Russisch und Tatarisch gleichberechtigt.

Inzwischen sofort nach dem Zusammenbruch der UdSSR reifte hier der ethnische Konflikt herein. Die überaus rasche und rücksichtslose Zerstörung des ganzen Alten und die sich auf die Stelle drehende Reformen riefen nicht nur die hohe Kriminalität, sondern auch die nationalistischen Entfaltungen hervor. Die Pseudoanwalten der Nationalinteressen riefen zum Ausgang aus der Föderation auf. Heute denkt man daran fast nie zurück, aber zentraler Platz der Hauptstadt Kasan wurde ein paarmal zum echten Schlachtfeld zwischen Nationalisten und Ordnungskräfte gemacht.

Und obwohl Tatarstan als erster in Russland den Kampf für die Unabhängigkeit innerhalb der asymmetrischen Föderation begann, und obwohl dieser Kampf bis jetzt dauert an, war diese Region kein zweites Tschetschenien geworden. Warum denn?

Man betrachtet meiste Journalisten und Experten als Hauptursache, dass diese multinationale Region tief im europäischen Teil Russlands lege, was das Eindringen des islamischen Fundamentalismus verhindere. Dann folgt angeblich die zweite Begründung: Der Wohlstand durch gesicherte Industrie und Landwirtschaft. Das hohe Ausbildungsniveau - Kasan gilt als ein große Kultur- und Wissenschaftszentrum - ergänzt diese Aufzählung. Noch ist es populär, Herkünfte von Tschetschenen und Tataren zu vergleichen: Angeblich die ersten würden aus nomadenhaften Sarmaten stammen, und die letztere aus ansässigen Wolga-Bulgaren.

All das ist richtig. Aber dabei vergißt man ganz und gar darüber, dass unser Presidäntenteam, sowie Wissenschaftler und das Parlament bei der Volksunterstützung "ab ovo" vorbereitet dazu waren, geduldig und zuständig mit Moskau zu verhandeln. 1990 wurde die Souveränität erklärt, aber nur im Jahre 1994 war der Vertrag über die gegenseitigen Übertragung und Verteilung der Befugnisse zwischen Moskau und Kasan unterzeichnet. Eben so lange dauert eigentlich der Krieg in Tschetschenien. Zugleich die völlig legitime Macht vom Präsidenten Mintimer Schaimiew und konsequente demokratische Umbildungen bildeten einen zuverlässigen Schutzschild vor Anstürme der Nationalisten. Und als Basis traten bedeutende sozialwirtschaftliche Errungenschaften auf: Tatarstan war einzige Region, die die sogenannte ökonomische Schocktherapie kategorisch abgelehnt hatte. Nach und nach geht der Nationalismus unter den relativ günstigen sozialen Bedingungen weg.

Natürlich vermeidet die politische Elite leider einige Übertreibungen bei der Benutzung der staatlichen Finanzmittel nicht. Der Nepotismus haftet der asiatischen Mentalität besonders an. Das ist aber ganz anderes Thema... Das Phänomen Tatarstans folgert aus gegenseitiger politischen Toleranz, aus bilateralen Verpflichtungen unter der alleinigen und obligatorischen Bedingung - alle Streite nur am Tisch aufzulösen. Und wenn in den Nationalrepubliken manche Überspitzungen vorkommen, zum Beispiel, bei der nationalen Kaderpolitik der Verwaltung, dann sollten Russen sehr tolerant sein. Da ist das einfach die sogenannte "Wachskrankheit".

Dafür wird in tatarischen Städte und Dörfer die vergessene von mehreren Leute tatarische Muttersprache wieder wach. Und trotz aller Prognosen wird die Anzahl der gemischten Ehen in Tatarstan nicht abgebaut. Die Leute wohnen, lieben, heiraten sich und gebären.